Moderne Technik: Alle Schulen in Enger sollen bald flächendeckend mit WLAN ausgestattet werden. - © Mareike Patock
Moderne Technik: Alle Schulen in Enger sollen bald flächendeckend mit WLAN ausgestattet werden. | © Mareike Patock

Enger WLAN in Schulen kontrovers diskutiert

Digitalisierung: Kritische Stimmen befürchten, dass die flächendeckende WLAN-Ausstattung der Gebäude eine Gesundheitsgefährdung für Schüler und Lehrer mit sich bringen könnte. Die NW hat nachgefragt

Die sechs Schulen in Enger machen sich auf den Weg in die digitale Zukunft. Damit die Schule 4.0 kommen kann, sollen die Gebäude jetzt flächendeckend mit WLAN ausgestattet werden (die NW berichtete). Die kabellose Datenübertragung wird jedoch nicht nur positiv gesehen. Kritische Stimmen befürchten, dass die Mikrowellenstrahlung des WLAN eine Gesundheitsgefährdung für Schüler und Lehrer mit sich bringen könnte. Die NW hat nachgefragt. Ein Leser, der sich seit Jahrzehnten mit Naturwissenschaften beschäftigt, aber anonym bleiben möchte, ist besorgt über die geplante flächendeckende Ausstattung der Schulen mit WLAN. „Ich bin kein Feind der modernen Technik und will die Zeit auch nicht aufhalten", sagt er. „Aber ich möchte sensibilisieren. Denn die Menschen sehen nur, was WLAN für Möglichkeiten bietet. Sie denken jedoch nicht darüber nach, ob diese Art der Technik womöglich Gesundheitsrisiken mit sich bringt." WLAN-Anwendungen nutzen zur drahtlosen Datenübertragung ebenso wie der Mobilfunk hochfrequente elektromagnetische Felder. Sie arbeiten mit Mikrowellenstrahlung – also genauso wie der Mikrowellenherd in der Küche. „Ich habe große Befürchtungen, dass es da zu Resonanzerscheinungen kommen kann mit Drüsen, Organen oder Hirnarealen, deren gesundheitliche Auswirkungen nicht abschätzbar sind." Das sagt das Bundesamt für Strahlenschutz Die NW hat beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) nachgefragt, ob die Behörde eine Gesundheitsgefährdung durch WLAN-Strahlung sieht. Die Sendeleistung – und damit auch die Belastung mit hochfrequenten elektromagnetischen Feldern – sei bei WLAN wesentlich geringer als etwa beim Telefonieren mit dem Handy, schreibt das BfS. Die höchste Exposition verursache immer das eigene Gerät, zum Beispiel das Handy oder das Tablet, da es in Körpernähe betrieben werde. „Messungen an Schulen konnten zeigen, dass die Exposition durch WLAN gering ist und im Allgemeinen weit unterhalb der Grenzwerte liegt." Im Jahr 2006 habe das BfS empfohlen, an Schulen kabelgebundene Lösungen gegenüber WLAN zu bevorzugen, falls dies möglich sei. „Diese Empfehlung wurde aus Vorsorgegründen ausgesprochen und war damals durch bestehende wissenschaftliche Kenntnislücken begründet." Die in der Zwischenzeit durchgeführte internationale Forschung habe jedoch nicht gezeigt, dass Kinder und Jugendliche empfindlicher auf elektromagnetische Felder der Funkanwendungen reagierten als Erwachsene. Empfehlungen der Behörde Die Behörde schreibt weiter, sie rate „nicht generell von einer WLAN-Nutzung an Schulen ab". Allerdings empfiehlt das BfS, „vorsorglich die Exposition so weit wie möglich zu minimieren". Dies könne etwa durch einen größeren Abstand zu den WLAN-Routern oder durch eine Reduzierung der Reichweite dieser Access Points erzielt werden. Zudem sollten Endgeräte wie Laptops oder Tablets nicht in unmittelbarem Körperkontakt betrieben werden. Einer, der sich seit Jahren mit diesem Gebiet beschäftigt, ist der Umweltmediziner Dr. Matthias Otto. Strahlung und elektromagnetische Felder sind sein Spezialgebiet. Unter anderem war er Mitglied der Arbeitsgruppe „Mobilfunk und Kinder" der deutschen Strahlenschutzkommission. Seit vielen Jahren arbeitet Otto bei der gemeinnützigen Kinderumwelt GmbH in Osnabrück – der Beratungsstelle für Umweltmedizin beim Dachverband der Kinderärzte. Hochfrequente elektromagnetische Felder seien mittlerweile gut erforscht, sagt er. Mit Röntgenstrahlen zum Beispiel könne man sie nicht vergleichen. „Letztere sind ionisierende Felder, die in der Lage sind, das Erbgut zu schädigen." Die Energie von elektromagnetischen Feldern wie sie WLAN oder der Mobilfunk nutzten, sei jedoch „eine millionenfach zu schwach", um eine solche Wirkung zu erzielen. Die „empfindlichste" Wirkung der Hochfrequenzfelder – also die Wirkung, die mit steigender Feldstärke zuerst beobachtet wird – sei die Wärmewirkung. An ihr orientierten sich die Grenzwerte, die seit vielen Jahren in Deutschland und den meisten europäischen Ländern gültig seien. "Selbst in einem Meter Abstand wird Grenzwert deutlich unterschritten" In der Praxis würden diese Grenzwerte fast immer um ein bis mehrere Größenordnungen unterschritten. „Nehmen wir mal eine Mobilfunkbasisstation auf dem Dach eines Hauses. Messungen der TU Ilmenau haben ergeben, dass an 95 von 100 typischen Standorten weniger als 10 Prozent der gültigen (Feldstärke)-Grenzwerte ausgeschöpft werden." Ähnliches gelte für WLAN-Router. Sie würden ja meist auf Korridoren aufgestellt. In der Regel hätten Schüler also einen Abstand von mehreren Metern dazu und oft liege auch noch eine Wand dazwischen. „Aber selbst in einem Meter Abstand wird der Grenzwert deutlich unterschritten", betont Otto. „Da ist das sendeaktive Smartphone in Körpernähe möglicherweise relevanter als der WLAN-Router." "Keinen belastbaren Hinweis" Dass WLAN-Strahlung ein reales Gesundheitsrisiko mit sich bringe, dafür gebe es „keinen belastbaren Hinweis", fasst Otto zusammen. Internationale und nationale Fachgremien kämen übereinstimmend zu diesem Ergebnis. Ganz grundsätzlich sei es jedoch sicherlich ratsam, die persönliche Strahlenbelastung zu minimieren. Die Stadt Enger will das Thema WLAN-Strahlung jetzt auch nochmal mit der Firma, die die Infrastruktur in den Schulen schafft, erörtern. „Wir werden zwar ohnehin nicht nur einen zentralen Sender haben, der alles abdeckt und besonders stark absorbiert, sondern dezentral viele kleinere Quellen", sagt Fachbereichsleiter Jens Stellbrink. „Aber wir werden da nochmal schauen, was man machen kann." Am Widukind-Gymnasium in Enger (WGE) solle das WLAN zwischendurch ohnehin auch ausgeschaltet werden, wenn es nicht für Unterrichtszwecke benötigt werde, sagt Schulleiter Ulrich Henselmeyer. „Wir wollen das zeitlich begrenzen." Das sei aus pädagogischen Gründen sinnvoll, aber auch zum Gesundheitsschutz. Eine solche Maßnahme an allen Engeraner Schulen würde sich auch der NW-Leser wünschen. „Die Kinder brauchen Ruhephasen, in denen sie nicht bestrahlt werden. Es kann nicht sein, dass WLAN 24 Stunden durch die Schule knallt." Und er würde sich noch etwas wünschen: „Man sollte sensibel mit dem Thema umgehen, auch kritische Stimmen hören und ernst nehmen und alles tun, um die Strahlung so gering wie möglich zu halten."

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