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Skurril: 1948, nach der Währungsreform, gab es auch einen Schein über eine halbe Deutsche Mark. - © Werner Brakensiek
Skurril: 1948, nach der Währungsreform, gab es auch einen Schein über eine halbe Deutsche Mark. | © Werner Brakensiek

Enger Das Jahr, in dem die D-Mark kam

Vor 70 Jahren: Der Engeraner Günter Richter erinnert sich an die Währungsreform 1948 – als das Geld wieder etwas wert, die Geschäfte wieder voll und der bunte Teller zu Weihnachten ein kleines bisschen üppiger war

Mareike Patock
28.11.2018 | Stand 27.11.2018, 15:53 Uhr

Enger. Günter Richter zieht ein dickes Buch mit lachsfarbenem Einband aus dem Regal. „Enger" steht in großen Lettern darauf. Das Buch beleuchtet die lange Geschichte der Stadt im Kreis Herford. Als Günter Richter es gekauft hat, war er gerade mal 11. 70 Jahre ist das jetzt her. „Das Buch ist zur Tausendjahrfeier der Stadt Enger 1948 erschienen", erinnert er sich. „Und ich weiß noch, ich habe gebeten und gebettelt, dass mir meine Mutter das Geld dafür gibt." Fünf Mark hat der Wälzer damals gekostet – zu jener Zeit unglaublich viel Geld. Reichsmark adé Es war die Zeit kurz nach der Währungsreform. Die Reichsmark, die zuletzt fast nichts mehr wert war, war ein paar Wochen vor der Tausendjahrfeier – am 20. Juni 1948 – durch die Deutsche Mark ersetzt worden. „Jeder Bürger, der in einer der drei westlichen Besatzungszonen lebte, bekam an diesem Tag 40 D-Mark als sogenanntes Kopfgeld", sagt der heute 81-Jährige. Einen Monat später seien noch mal 20 Mark an jeden ausgezahlt worden. Mit Einführung der neuen Währung hatten die Bürger auf einmal wieder Geld, das etwas wert war. Die ersparte Reichsmark auf dem Konto wurde jedoch weitgehend entwertet: Das Geld – es blieb also vielerorts knapp. Sieben Kilo Altpapier Auch Günter Richters Mutter – eigentlich seine Pflegemutter – musste wirtschaften. „Sie bekam nur eine kleine Witwenpension, von der wir beide leben mussten." Nach dem Zahlen von Miete und Schulgeld für das Progymnasium sei davon nicht viel übrig geblieben. Trotzdem spendierte sie ihrem Ziehsohn die fünf Mark für das heiß begehrte „Enger"-Buch. „Mit dem Geld bin ich dann zur Spar- und Darlehenskasse, wo es das Buch gab." Um es zu erhalten, musste der damals Elfjährige aber nicht nur die fünf DM auf den Tisch legen – sondern zusätzlich sieben Kilo Altpapier. „Denn Rohstoffe waren auch noch nach der Währungsreform knapp." Um die Menge an Papier zusammenzubekommen, habe er alte Zeitungen vom Dachboden geholt. „Darunter waren sogar noch Illustrierten aus der Vorkriegszeit." Schulspeise aus der Lehrküche Mit der Währungsreform 1948 brach eine neue Zeit an. „Im eher ländlichen Enger hatten wir persönlich zwar auch in der Kriegs- und Nachkriegszeit keinen Hunger gelitten." Seine Pflegemutter – die Schwester seines Großvaters – sei für ihn nach dem frühen Tod seiner leiblichen Mutter eine liebevolle Mama gewesen. Als Mieterin in einem Zweifamilienhaus habe sie ein Stück Gemüseland bewirtschaften können. „Und sie bekam aus dem Freundes- und Bekanntenkreis das ein oder andere zum Überleben." Nach dem Krieg seien auch einige entbehrliche Gebrauchs- oder Wertgegenstände gegen Lebensmittel eingetauscht worden. Eine weitere Verbesserung der Ernährungslage sei die Schulspeise gewesen, die auch nach der Währungsreform noch eine Zeit lang von amerikanischen Hilfsorganisationen gespendet worden sei. Sie sei in der Lehrküche der Volksschule zubereitet worden. Zum ersten Mal Schokolade „Eine halbe Stunde vor der großen Pause machten sich zwei Schüler des Progymnasiums mit einem Bollerwagen auf den Weg, um das Tagesgericht für die etwa 300 Schüler in mehreren Milchkannen abzuholen." Mit der D-Mark kamen auch in Enger die vollen Geschäfte. „Man konnte auf legale Weise wieder alles zum Leben Notwendige in den Geschäften kaufen, in Enger vor allem in den vielen Tante-Emma-Läden." Auch das Weihnachtsfest 1948 wurde dadurch ein wenig üppiger als noch in den Vorjahren. „Es gab bei uns zum Beispiel immer einen bunten Teller mit selbst gebackenen Plätzchen." Im Jahr, als die D-Mark kam, habe darauf zum ersten Mal auch etwas Schokolade gelegen. „Und sogar eine oder zwei Orangen." Die ersten Weihnachtsplätzchen seien bereits vor dem 1. Advent gebacken worden, sagt er. „Auch nach der Währungsreform konnte man allerdings nicht jede Zutat unbegrenzt kaufen." Zucker zum Beispiel, der für Weihnachtskekse natürlich unentbehrlich ist, sei bis 1950 noch rationiert und nur gegen Lebensmittelkarten zu bekommen gewesen. „Meine Mama sammelte deshalb das ganze Jahr über in einem großen Behälter aus Hartpappe allen Zucker, der nicht unbedingt für die tägliche Nahrung gebraucht wurde." Trockenobst aus der Backröhre Dass seine Mutter zu jener Zeit irgendwann mal fertiges Weihnachtsgebäck gekauft habe, daran könne er sich nicht erinnern. „Statt über Lebkuchen oder gar Südfrüchte freute ich mich in dieser Zeit über Trockenobst, das im Herbst in der Backröhre aus heimischen Früchten hergestellt wurde." 1948 – mit fast 12 Jahren – durfte Günter Richter auch schon alleine den Weihnachtsbaum schmücken. „Es gab silberne Kugeln und Lametta, die wir in einem großen Karton noch aus der Vorkriegszeit aufbewahrt hatten. Die weißen Christbaumkerzen gab es nun schon wieder zu kaufen und die wurden Heiligabend auch angezündet." Elektrische Kerzen seien damals aber noch unbekannt gewesen. Mit der D-Mark war die Zeit der leeren Regale vorbei – auch in Enger. Jetzt gab es Schokolade und Orangen und beim Martinssingen im November 1948 machte Günter Richter erstmals Bekanntschaft mit einer ganz neuen Süßigkeit. Dauerlutscher zum Martinssingen „Mit einigen Spielkameraden zog ich beim Martinssingen immer von Haus zu Haus", erzählt er. An den Türen hätten sie dann das plattdeutsche „Sünne Marden, geoe Marden" gesungen. Oder, wenn sie die Hausbewohner für fromme Leute gehalten hätten, den Choral „Eine feste Burg ist unser Gott". „Dann bekamen wir etwas in unseren Beutel – oft allerdings nur einen verschrumpelten Apfel." Beim Martinssingen 1948, also kurz nach der Währungsreform, habe es aber in der Gastwirtschaft Brünger in der Wörde eine besondere Leckerei gegeben: Dauerlutscher. „Das war der erste Dauerlutscher meines Lebens." 5,7 Milliarden in Holzkisten Das neue Geld war komplett in Amerika gedruckt und nach Deutschland verschifft worden. Der geheim gehaltene Geldtransport namens Operation Bird Dog fand von Februar bis April 1948 statt. Er umfasste etwa 5,7 Milliarden Deutsche Mark. In 23.000 Holzkisten wurde das Geld nach Frankfurt transportiert und von dort weiterverteilt. In der ersten Zeit habe es nur D-Mark-Scheine, aber noch keine Münzen in der neuen Währung gegeben, erinnert sich Richter. Und er weiß auch noch, wann er das erste Mal einen eigenen D-Mark-Schein in der Tasche hatte. Zu Engers Tausendjahrfeier, ein paar Wochen nach Einführung des neuen Geldes, sei das gewesen. „Da bekam ich von Mama ein Taschengeld von 50 Pfennig in Form eines Scheins über eine halbe D-Mark." Was er davon gekauft habe, das wisse er allerdings nicht mehr. Von der Tausendjahrfeier ist ihm eines allerdings noch gut in Erinnerung geblieben: „Da habe ich das erste Mal eine Bratwurstbude gesehen."

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