Xiaoping Xu, Künstlerin aus China, liebt bei ihrer Arbeit Farben, das Spiel mit Licht und Schatten und die Plastizität der Motive. - © Mareike Patock
Xiaoping Xu, Künstlerin aus China, liebt bei ihrer Arbeit Farben, das Spiel mit Licht und Schatten und die Plastizität der Motive. | © Mareike Patock

Enger Engeraner Künstlerin malt Gesichter aus zwei Kulturen

Nachgefragt: Seit knapp zehn Jahren lebt die chinesische Künstlerin Xiaoping Xu in Enger. Im Gespräch berichtet sie, wie sie in die Widukindstadt kam – und warum sie Falten faszinieren

Mareike Patock

Enger. An den Wänden in ihrer Wohnung hängen Repliken von Claude Monets berühmten Seerosen. Den französischen Impressionisten möge sie schon gern, sagt Xiaoping Xu. Aber ihr absoluter Lieblingsmaler – das sei Renoir. Der Stil des weltbekannten französischen Malers ist ganz unverkennbar auch in ihren eigenen Bildern zu finden: die Farben, das Spiel mit Licht und Schatten, die Plastizität der Motive.Kinder als Lieblingsmotive Die chinesische Künstlerin Xiaoping Xu, die es vor rund zehn Jahren aus Fernost nach Enger gezogen hat, malt besonders gerne Menschen. Überall in ihrem Wohnzimmer stehen großformatige Porträts – meist von Kindern. Gerade arbeitet sie an einem neuen. Ein kleines Mädchen ist darauf zu sehen, vielleicht sechs, sieben Jahre alt: die Wangen vom Spielen gerötet, das blonde Haar zum Pferdeschwanz zurückgebunden. Ein Schneidezahn lugt keck hervor. „Das Bild ist noch nicht ganz fertig", sagt die 51-Jährige. Einen Monat brauche sie normalerweise für ein solches Porträt in Öl. „Eine Zeichnung geht da schneller", ergänzt Xu. „Diese hier zum Beispiel habe ich heute morgen erst angefangen." Die Bleistiftzeichnung vor ihr auf dem Tisch zeigt ebenfalls ein kleines Mädchen – mit großen Augen und ordentlich gescheiteltem Haar. Im Osten Chinas aufgewachsen Xiaoping Xu kommt aus der ostchinesischen Stadt Ningbo, drei Autostunden von Shanghai entfernt. Rund fünf Millionen Menschen leben dort. In Hangzhou, etwa 100 Kilometer weiter westlich, hat sie Kunst studiert. Nach ihrer Ausbildung hat die heute 51-Jährige fast 20 Jahre lang als Kunstlehrerin an einer weiterführenden Schule in China gearbeitet. Vor gut zehn Jahren habe sie dann übers Internet ihren Mann kennengelernt, erzählt sie. Ein Jahr später haben die beiden geheiratet. Seither lebt Xu in Enger. Von der Millionenmetropole Ningbo aufs ostwestfälische Land – für die Chinesin kein Kulturschock: „Es gefällt mir, in der Kleinstadt zu leben", sagt sie. „Ich mag die Landschaft hier und die Ruhe." In die Landschaft zieht es Xiaoping Xu immer wieder, oft mit ihrer Staffelei. Stundenlang steht sie dann draußen und malt. Mittlerweile hat sie Engers Felder ebenso auf Leinwand gebannt wie zum Beispiel die Allee am Lachtropweg. Falten erzählen Geschichten Was sie aber besonders gefangen nimmt sind Gesichter. „Mittlerweile habe ich wohl ein paar Tausend gezeichnet", sagt sie. Vor allem die von Kindern und alten Menschen. Die Schönheit des Alters fasziniere sie: „Falten erzählen viele Geschichten", sagt Xu. Von ihren eigenen Bildern mag sie darum eines besonders: das Porträt einer Nachbarin aus ihrer Heimatstadt in China. Über 90 war die Frau, als Xu sie gemalt hat. Das Bild ist fesselnd, ausdrucksstark. Beim Anblick will man unweigerlich mehr erfahren über die alte Frau mit den traurigen Augen. Tiefe Furchen haben sich in ihr Gesicht eingegraben. Sie zeugen von einem harten Leben. Menschen porträtieren – das gehe am besten, wenn das Modell vor einem sitze, sagt Xu. „Denn aus einem Gesicht kann man so viel ablesen."

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