Vor dem Prozess: Armin Knoch mit seinem Mandanten (28). Der war früher selbst als Schöffe im gleichen Saal tätig. - © Jobst Lüdeking
Vor dem Prozess: Armin Knoch mit seinem Mandanten (28). Der war früher selbst als Schöffe im gleichen Saal tätig. | © Jobst Lüdeking

Enger Tafelgelder für SM-Spiele veruntreut: Engeraner Ratsherr bekommt Bewährungsstrafe

Schöffengericht zieht strafrechtlichen Schlussstrich unter den Untreuefall bei der Herforder Tafel

Jobst Lüdeking
25.02.2017 | Stand 24.02.2017, 18:21 Uhr

Enger/Herford. Seit nun fast zwei Jahren beschäftigt der Untreue-Fall bei der Herforder Tafel die Justiz. Zunächst das Herforder Arbeitsgericht, vor dem der Engeraner Ratsherr und Ex-Kassenwart (28) der Hilfsorganisation gegen seine Kündigung klagte. Jetzt musste er sich vorm Schöffengericht als Angeklagter wegen einer Straftat verantworten. Hatte sein Anwalt im Arbeitsgerichtsprozess noch von einer „unbegreiflichen Verleumdungskampagne" der Tafel-Gründerin Barbara Beckmann gegen seinen Mandanten gesprochen, gab es aktuell eine Überraschung. Der 28-jährige räumte alle 38 Untreuevorwürfe der Staatsanwaltschaft Bielefeld mit einer Schadenssumme von 3317 Euro ein. Die Anklage geht sogar in 23 Fällen strafverschärfend von gewerbsmäßigen Taten aus. Nur einen Spendenscheck über 800 Euro des Tennisclubs Enger vom Dezember 2013 will er nicht für sich beiseite geschafft haben – sie sollen über sein Privatkonto in einer angeblichen schwarzen Kasse der Tafel gelandet sein. Doch wo blieb das veruntreute Vereinsgeld? Die Anklage listet neben diversen Amazon-Geschenkgutscheinen über rund 2.000 Euro auch Sado-Maso-Sex-Kleidung wie ein Wetlook-Kleid, Latexkleidung, zwei Korsetts oder Stiefeletten für mehr als 700 Euro auf. Alles bezahlt über einen Amazon-Zugang der Tafel über das Konto der Tafel. Die Rechnungen und Waren gingen hingegen direkt an den 28-Jährigen in Enger. „Mir ist die Sache peinlich", sagte der Bürokaufmann, der zeitweise selbst als Laienrichter des Herforder Schöffengerichts über Straftäter mit urteilte. 28-Jähriger wurde nach eigenen Angaben erpresst Er sei ab Februar 2015 in die SM-Szene gerutscht. Erst habe er unter Pseudonym agiert, dann Frauen vertraut, seinen Namen genannt und die hätten ihn unter Druck gesetzt. „Schieb’ mal was rüber, sonst weiß das deine Partei", sei eine der Drohungen gewesen, erklärte 28-jährige, der für die SPD im Rat in Enger sitzt. „Mein Mandant hat allenfalls zehn Prozent der Summe für sich gebraucht", sagte Rechtsanwalt Armin Knoch, der von einer „Enthemmung" sprach. Die Gutscheine und die Kleidung seien als Geschenke an Dritte (Frauen, d. Red) gegangen. Die Untreue-Fälle endeten erst, als der Angeklagte Ende 2015 entlassen wurde. „Ich hatte so ein komisches Gefühl nach einer 10.000 Euro-Spende", erklärte Tafel-Gründerin Beckmann. Von der habe sie erst im Nachhinein erfahren, da der Angeklagte ihren Maileingang manipuliert habe. Schließlich habe sie damit begonnen, die Kontobewegungen zu prüfen und schließlich Anzeige erstattet. Der 28-Jährige sei 2011 als Ein-Euro-Jobber zur Tafel gekommen und habe sich dann hochgearbeitet. Sie habe großes Vertrauen in ihn gehabt. Die Schilderung des Ex-Kassenwarts über eine angebliche schwarze Kasse, aus der etwa illegal ein Mitarbeiter oder Knöllchen bei Tempoverstößen bezahlt worden seien, wies Beckmann zurück. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser", kommentierte der Staatsanwalt den aus seiner Sicht zu laxen und vertrauensvollen Umgang mit Finanzangelegenheiten. Zusätzlich: 150 gemeinnützige Arbeitsstunden Dieser Aussage und auch dem beantragten Strafmaß der Staatsanwaltschaft schloss sich das Schöffengericht unter Richterin Alexandra Sykulla an: Es verurteilte den 28-Jährigen zu neun Monaten Haft, ausgesetzt für zwei Jahre auf Bewährung. Darüber hinaus muss er 150 gemeinnützige Arbeitsstunden ableisten. Auch das Gericht wertete als strafverschärfend, dass der 28-Jährige durch seine Taten Menschen getroffen habe, die Hilfe brauchten.

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