Die Kosten für die Steine werden von Paten übernommen. In diesem Jahr gehörte unter anderem Bürgermeister Wolfgang Koch (stehend) dazu. Der Künstler Gunter Demnig verlegte die "Stolpersteine" selbst. - © FOTOS: SCHWANHOLD
Die Kosten für die Steine werden von Paten übernommen. In diesem Jahr gehörte unter anderem Bürgermeister Wolfgang Koch (stehend) dazu. Der Künstler Gunter Demnig verlegte die "Stolpersteine" selbst. | © FOTOS: SCHWANHOLD

Bünde Steine gegen das Vergessen

Drei weitere "Stolpersteine" in der Stadt verlegt / Schüler des Marktgymnasiums recherchierten Biografien

VON CORINNA SCHWANHOLD

Bünde. "Menschen in ganz Europa sollen an die Verbrechen der NS-Zeit erinnert werden." Mit diesen Worten beschreibt der Künstler Gunter Demnig sein Projekt "Stolpersteine". Auch in Bünde gibt es einige dieser Gedenksteine, die vom Schicksal ermordeter Juden berichten. Drei weitere sind an diesem Wochenende hinzugekommen.

Bereits seit zehn Jahren engagieren sich Schüler des Marktgymnasiums für das Projekt des Kölner Künstlers Demnig. In Arbeitsgemeinschaften und Workshops recherchieren die Jugendlichen Lebensumstände und das Schicksal der Bünder Opfer des Holocausts. Ihre Ergebnisse werden auf den sogenannten "Stolpersteinen" festgehalten, die in der Innenstadt im Pflaster zu sehen sind.

Auch die Steine, die an diesem Wochenende Platz in der Esch- und der Hangbaumstraße Platz fanden, halten das Leben der Menschen fest. Zu ihnen gehört der Jude Adolf Elias, dessen Gedenkstätte an der Eschstraße 22 zu finden ist. In der kleinen Messingplatte auf dem Stein ist zu lesen, welches Schicksal er erlitt: Als sein Arbeitgeber, die Familie Löwenstein, das Geschäft aufgrund der Judenverfolgung aufgeben musste, verlor Elias seinen Ausbildungsplatz als Textilkaufmann und musste Bünde verlassen. Fünf Jahre später brachten ihn die Nazis nach Theresienstadt. Nach einer weiteren Deportation ins KZ Auschwitz wurde er schließlich im Jahr 1945 in Dachau ermordet. Auch Hedwig Hamlet und Selma Gottschalk erlitten ein ähnliches Schicksal: Sie wurden in die Konzentrationslager Riga und Minsk deportiert.

Sichtlich bewegt lasen die Schüler die Biografien der Opfer vor und legten zum Gedenken jeweils eine Rose an die Steine, die sich in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Wohnort der Bünder Juden befinden. Schüler Michael Morasch war einer der engagierten Jugendlichen, die die Lebensumstände der Juden recherchiert hatten. "Viele Menschen wissen gar nicht, was hier passiert ist. Deshalb finde ich es wichtig, die Vergangenheit aufzuarbeiten", betonte er.

Nicht nur den Schülern, auch den Lehrern ist die direkte Erinnerung an die Bünder Juden wichtig. So auch Dr. Angela Brüning, die das Projekt seit einigen Jahren betreut. "Mit den Steinen geben wir den ermordeten Menschen wieder ein Gesicht", erklärte sie. Der Stadt würden keine weiteren Kosten entstehen, da jeder Stein von einem Paten übernommen werde. Zu ihnen gehörte bei der diesjährigen Verlegung auch Bürgermeister Wolfgang Koch, für den die "Stolpersteine" einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der Vergangenheit leisten.

Auch der Künstler Gunter Demnig selbst war bei der Aktion am Wochenende beteiligt. Er übernahm die Aufgabe, die Steine mit den Messingkappen im Pflaster einzuarbeiten.  Insgesamt, resümierte er, gebe es mittlerweile 43.000 Steine in ganz Europa verteilt, in Deutschland seien sie an 896 Orten zu finden. Seine Erfahrung zeige, dass gerade Jugendliche das Projekt gut aufnähmen: "Viele Schüler interessieren sich für die Vergangenheit. Sie wollen wissen, wie dieses Verbrechen im Land der Dichter und Denker passieren konnte."

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