0

BÜNDE Das (Un-) Wissen der Bewerber

Firmen beklagen mangelhafte Qualifikation ihrer Azubis / IHK fordert enge Zusammenarbeit mit Schulen

VON GERALD DUNKEL
09.04.2010 | Stand 09.04.2010, 10:15 Uhr
Für viele junge Menschen ist dieser Schritt nach Ansicht der Industrie- und Handelskammer zu groß. Schüler müssten früh Einblicke in die Berufswelt erhalten. - © FOTO/COLLAGE: DUNKEL
Für viele junge Menschen ist dieser Schritt nach Ansicht der Industrie- und Handelskammer zu groß. Schüler müssten früh Einblicke in die Berufswelt erhalten. | © FOTO/COLLAGE: DUNKEL

Bünde. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag schlägt Alarm: Dreiviertel der Firmen beklagen unzureichende schulische Qualifikationen und persönliche Kompetenzen bei Azubis und verschaffen ihnen sogar Nachhilfe. Es sei ein stetiger Verfall zu bemerken, so Heiko Bahls, Ausbildungsmeister in der Bünder Lehrwerkstatt der Tischler-Innung im Kreis Herford.

Die Doku-Soaps im Privatfernsehen, in denen Bewerber bei Einstellungstests und -gesprächen anonymisiert gezeigt werden, scheinen nicht allzu weit hergeholt zu sein. In einer Szene fragt der Chef einer Groß-Tischlerei einen 19-Jährigen, wie viel 21 geteilt durch 7 seien. Sekunden der Stille - dann die Antwort: "Irgendwas um die Zehn". Der nächste Bewerber kam gleich 40 Minuten zu spät mit der Ausrede, der Wecker habe nicht funktioniert - das Vorstellungsgespräch war am frühen Nachmittag.

"Das sind natürlich die schlimmeren Fälle," sagt Tischlermeister und Lehrlingswart Heiko Bahls, "allerdings sind sie auch keine Seltenheit." Grundrechenarten und die Umsetzung theoretischen Wissens in die Praxis nennt Bahls als häufigste Mängel. Heiko Bahls betreut bei der Tischler-Innung seit zehn Jahren in der Bünder Lehrwerkstatt die Auszubildenden.

"Das Niveau ging in dieser Zeit stetig zurück, sowohl bei der schulischen Qualifikation, wie auch bei den Tugenden Pünktlichkeit und soziale Kompetenz untereinander", sagt Bahls, ohne es pauschalisieren zu wollen. "Oft geht es bei den Härtefällen zu Hause drunter und drüber, so dass man ihnen noch nicht einmal einen Vorwurf machen kann. Sie haben es nicht besser gelernt." Die schulischen Defizite würden jetzt bei der Zwischenprüfung offenbar.

Als einen "schleichenden Prozess in Richtung Verfall" nimmt Andreas Esch, Ausbildungsleiter bei der Sparkasse im Kreis Herford, die Defizite von Bewerbern wahr. Allerdings in schwächerer Ausprägung, als es im Handwerk der Fall zu sein scheint. Die größten Schwächen lägen im Bereich Rechtschreibung. Kaum Probleme gebe es bei den persönlichen Kompetenzen. "Das hat aber auch damit zu tun, dass die Bewerber zu einem großen Teil nach Abitur oder Höherer Handelsschule zu uns kommen und schon aufgrund des höheren Lebensalters reifer sind als 16-Jährige nach abgeschlossener Realschule."

Von den gut 300 Bewerbungen, die Esch jedes Jahr bekommt, fallen gut die Hälfte von vornherein unten durch. "Fünf bis zehn Fehler im Anschreiben sind da einfach ein K.O.-Kriterium." Die verbleibenden etwa 150 werden zum Einstellungstest eingeladen, den wiederum etwa die Hälfte besteht. 25 Auszubildende stellt die Sparkasse davon jedes Jahr ein.

"Wir müssen es schaffen, die Schüler bis zum Abschluss reifer zu machen", sagt Swen Binner von der IHK Ostwestfalen zu Bielefeld. Der Schritt von der Schule in den Beruf sei für viele zu groß. "Ich glaube nicht, dass die Schulen in den vergangenen Jahren schlechtere Arbeit leisten oder die Schüler dümmer geworden sind", so Binner. Die Komplexität einzelner Berufsbilder sei stark gewachsen, so dass viele uninformiert über ihren Wunschberuf seien. "Von denen hört man dann ,Ich will irgendetwas mit Büro oder Verwaltung machen'."

Schule und Wirtschaft müssten enger zusammen wachsen, fordert Binner. "Den Schülern müssen früh Einblicke in die Berufswelt verschafft werden." Mit Projekten wie "Schule & Co." sei die IHK beispielsweise im Kreis Herford auf einem guten Weg.

Empfohlene Artikel

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

Newsletter abonnieren

Bünde-Newsletter

Jeden Donnerstagmorgen informieren wir Sie über die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region.

Wunderbar. Fast geschafft!

realisiert durch evolver group