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BÜNDE NW-Zusteller retten Baby aus dem Feuer

Nächtlicher Wohnhausbrand in Kirchlengern

VON MEIKO HASELHORST
26.02.2010 | Stand 26.02.2010, 11:11 Uhr
Jürgen Schieblich (rechts) und Resul Karakas retteten ein Baby vor dem Feuertod. - © FOTO: PATRICK MENZEL
Jürgen Schieblich (rechts) und Resul Karakas retteten ein Baby vor dem Feuertod. | © FOTO: PATRICK MENZEL
NW-Zusteller retten Baby aus dem Feuer - © BÜNDE
NW-Zusteller retten Baby aus dem Feuer | © BÜNDE

Kirchlengern. Seit zehn Jahren steht er jeden Morgen um 1.20 Uhr auf und fährt mit seinem Roller durch Wind und Wetter, um den Menschen in Kirchlengern und Umgebung (Kreis Herford) ihre Zeitung zu bringen. Fast schon heldenhaft. Dann kommt die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag – eine Nacht, die NW-Zusteller Jürgen Schieblich sein Leben lang nicht vergessen wird.

"So um halb drei bin ich auf der Klosterbauerschafter Straße unterwegs, als ich auf einmal laute Stimmen höre", beginnt der 47-Jährige seine Schilderung. Schieblich ordnet die Schreie in der Nacht zunächst "irgendwelchen Besoffenen" zu. "Erst als ich um die Kurve fahre, sehe ich, dass da Leute am Fenster eines Hauses an der Stiftstraße stehen und in Panik nach einer Leiter rufen." Flammen habe er in jenem Moment nicht gesehen, nur dicken, schwarzen Qualm. "Ach, du Schande", denkt er und rennt zurück zur Straße, um Hilfe zu holen.

Dort kommt ihm glücklicherweise ein Bulli entgegen. Am Steuer: Resul Karakas, ebenfalls unterwegs für die NW. Seine Aufgabe ist es, die großen Zeitungspakete vom Druckhaus in Bielefeld abzuholen und sie den Zustellern an vereinbarten Treffpunkten zu hinterlegen. "Was will der denn da? Warum winkt der so aufgeregt? Ich bin doch pünktlich", sind Karakas’ erste Gedanken, als er den wild gestikulierenden Schieblich auf der dunklen Straße sieht.

Früher schonmal zwei Menschen das Leben gerettet

Blitzschnell macht der Zusteller seinem Kollegen die Situation klar. Beide rennen sie zum Haus, treffen vor dem Gebäude auf zwei weitere Bewohner, die ihnen sagen, dass sich nach wie vor Menschen im Inneren befinden. Die beiden stürzen sich in das brennende Haus. Auf der Treppe, erzählt Schieblich später, können die beiden noch alles sehen. Als sie eine Tür im ersten Stock öffnen, wird der Qualm zu dicht. "Eine einzige schwarze Wand", sagt Schieblich.

Er und Karakas rennen über die Treppe wieder nach unten. Inzwischen hat draußen jemand eine Leiter besorgt – leider viel zu kurz. Die Eltern stehen nach wie vor am Fenster und wissen nicht, was sie tun sollen. Wo bleibt nur die Feuerwehr? Schieblich besorgt eine Taschenlampe und leuchtet nach oben. Erst da sehen die beiden, dass der Vater etwas nach draußen hält – offenbar, um es vor dem Rauch zu schützen. "Ein Baby", schießt es Schieblich und Karakas durch den Kopf.

Ein Feuerwehrmann versucht zu retten, was zu retten ist. Der Dachstuhl war es nicht. 150.000 Euro Schaden richteten die Flammen an. - © FOTO: PATRICK MENZEL
Ein Feuerwehrmann versucht zu retten, was zu retten ist. Der Dachstuhl war es nicht. 150.000 Euro Schaden richteten die Flammen an. | © FOTO: PATRICK MENZEL

Der 33-Jährige, der in früheren Jahren in der Türkei schonmal zwei Menschen das Leben gerettet hat, reagiert am schnellsten: "Werfen Sie das Baby herunter, ich fange es auf." Der Vater sträubt sich – zwischen seinem Baby und Karakas befinden sich knapp fünf Meter Leere. Dann ringt er sich doch dazu durch, den Säugling loszulassen. "Bitte, fangen Sie mein Kind auf!", ruft der Vater mit Verzweiflung in der Stimme.

Karakas befreit sich aus der Umklammerung der Großmutter, die das Fangen in ihrer Panik selbst übernehmen will. Dann bringt er sich in Stellung. Der Vater lässt sein Kind fallen. Eine Sekunde später hat Karakas den winzigen, wenige Wochen alten "Tamino" sicher im Griff.

Dramatik der Nacht holt ihn Stunden später ein

"Erst da wird mir so richtig klar, dass ich gerade ein echten kleinen Menschen in meinen Händen halte", sagt Karakas. "Oh mein Gott, oh mein Gott", denkt der 33-Jährige und hüllt den Winzling in seine warme Jacke.

Taminos Eltern versuchen, mit dem Fuß an die weit entfernte Leiter zu gelangen. Als wenig später eine Explosion das Haus erschüttert und Fensterscheiben zum Zersplittern bringt, haben sich bereits alle Bewohner in Sicherheit gebracht. Karakas hat das Baby nach wie vor im Arm. Der Großmutter, die ihren kleinen Enkel sofort haben will, überlässt er das Kind erst etwas später. "Die war zu dem Zeitpunkt zu hysterisch dafür", begründet Karakas sein Verhalten.

Ihn selbst holt die Dramatik der Nacht erst Stunden später ein, im Schlaf. "Ich habe letzte Nacht von diesem kleinen Baby geträumt", sagt der Retter und sein Blick wird glasig. Als Held fühlt er sich nicht. "Das hätte doch wirklich jeder getan", sagt Karakas. NW-Zusteller Jürgen Schieblich hält ebenfalls den Ball flach. Nachdem er der Polizei seine Daten gegeben hat, macht er sich mit seiner Fracht um vier Uhr wieder auf den Weg. "Die Leute wollen doch pünktlich ihre Zeitung haben", sagt er und zieht an seinem Zigarillo. Heldenhaft.

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