0
Die Mitglieder der Inklusiven Politikgruppe Bünde (v.l.n.r.): Ulrike Kowalewsky, Marko Schnurbusch, Ricada Schröder, Jochen Höke, Martina Kinder sowie Monika und Hans Knoke. - © Pauline Maus
Die Mitglieder der Inklusiven Politikgruppe Bünde (v.l.n.r.): Ulrike Kowalewsky, Marko Schnurbusch, Ricada Schröder, Jochen Höke, Martina Kinder sowie Monika und Hans Knoke. | © Pauline Maus

Barrierefreie Innenstadt Wie barrierefrei ist die Bünder Innenstadt?

NW-Volontärin Pauline Maus hat gemeinsam mit der „Inklusiven Politikgruppe“ die Fußgängerzone unter die Lupe genommen. Der Spaziergang hat viele positive Entwicklungen gezeigt, aber auch Problemstellen wurden deutlich.

Pauline Maus
22.10.2022 , 18:00 Uhr

Bünde. Der Weg zum Bäcker, zur Sparkasse oder ins Modegeschäft ist für viele Menschen ohne Weiteres zu bewältigen. Aber Personen im Rollstuhl, mit dem Rollator oder mit einer Sehbehinderung stehen dabei oft vor einer Herausforderung. Daher sollten möglichst viele Wege im Alltag barrierefrei gestaltet sein. Doch wie schaut das mit der Barrierefreiheit eigentlich in Bünde aus?

Bereits 2015 machte die NW den Test in der Bünder Innenstadt. Damals war das Ergebnis ernüchternd. Unebenes Kopfsteinpflaster und fehlende Rampen vor den Eingängen in die Geschäfte. Sieben Jahre später ist es Zeit für eine erneute Erkundung.

Dafür bin ich mit der „Inklusive Politikgruppe“, die sich in der Stadt Bünde für die Belange von Menschen mit Handicap einsetzt, vor dem Rathaus verabredet um genau das herauszufinden. Auf dem Weg von der Redaktion zum vereinbarten Treffpunkt schaue ich mich schon einmal um und bemerke, dass die Innenstadt für mich auf den ersten Blick barrierefrei erscheint. Die meisten Geschäfte haben eine Rollstuhlrampe oder ohnehin einen stufenlosen Eingang. Das Straßenpflaster ist glatt verlegt und auch sonst fallen mir keine großen Hürden ins Auge. Dieser Eindruck sollte im Laufe meines Spaziergangs durch die Stadt jedoch schnell widerlegt werden.

Im Alltag gibt es für Menschen mit Behinderung viele verschiedene Barrieren, an die im ersten Moment nicht gedacht wird. Nicht nur Stufen, ruckeliger Boden und steile Wege können ein Hindernis sein. Für kognitiv beeinträchtigte Menschen kann beispielsweise auch ein komplizierter Sprachgebrauch eine Barriere darstellen. Und sehbehinderte Menschen stoßen oft an ihre Grenzen, wenn Wege verstellt sind oder taktile Streifen enden. Vor meiner Verabredung mit den Expertinnen und Experten habe ich an diese Barrieren nicht gedacht.

Kopfsteinpflaster ist für Rollstuhlfahrer ein Problem

Am Treffpunkt angekommen, warten bereits die Mitglieder der Inklusiven Politikgruppe auf mich und erzählen beim Eintreffen sofort: „Wir hatten schon ein erstes Problem.“ Als Hans Knoke seine Frau Monika im Rollstuhl an die Sitzbank vor dem Rathaus schieben wollte, verkeilte sich das Rad in den dort verlegten, großen und unebenen Pflastersteinen. „Jetzt muss ich mit der Hand und viel Kraft versuchen, das Rad wieder in die richtige Position zu bringen“, erklärt Hans Knoke.

Monika Knoke ist noch nicht sehr lange auf den Rollstuhl und auf Hilfe angewiesen. Ihr Mann war früher Stadtplaner in Bielefeld und gesteht: „Umweltschutz und die Fledermaus waren bei allen Projekten präsent. Erst mit der Schwerbehinderung meiner Frau wurde mir bewusst, wie wichtig auch die Barrierefreiheit ist.“

Wie wichtig Barrierefreiheit wirklich ist, verdeutlichen aktuelle Zahlen. In Deutschland leben laut Statistischem Bundesamt 7,8 Millionen schwerbehinderte Menschen. In Bünde galten im vergangenen Jahr laut einer Auswertung der statistischen Landesbehörde IT NRW insgesamt 4.375 Menschen als schwerbehindert. Das sind 9,6 Prozent der Einwohner. Somit lebt jeder elfte Bünder mit einer Schwerbehinderung. Als schwerbehindert gilt, wer eine dauerhafte Abweichung der körperlichen Funktion, der geistigen Fähigkeit oder seelischen Gesundheit vom eigentlich typischen Zustand hat. Diese Menschen sind auf Barrierefreiheit im Alltag angewiesen, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können.

Für einen Rollstuhl ist die Stufe vor dem Laden der Gowld Möbelmanufaktur in der Eschstraße normalerweise eine Barriere - Dank der eigens angefertigten Rampe nun aber kein Hindernis mehr. "Die Nachrüstung der Rampe ist für unsere Kunden natürlich top", sagt Dennis Specht, Mitarbeiter bei Gowld. - © Pauline Maus
Für einen Rollstuhl ist die Stufe vor dem Laden der Gowld Möbelmanufaktur in der Eschstraße normalerweise eine Barriere - Dank der eigens angefertigten Rampe nun aber kein Hindernis mehr. "Die Nachrüstung der Rampe ist für unsere Kunden natürlich top", sagt Dennis Specht, Mitarbeiter bei Gowld. | © Pauline Maus

Deshalb hat auch Marko Schnurbusch, ebenfalls Mitglied bei der Inklusiven Politikgruppe, seinen elektrischen Rollstuhl zu Hause gelassen. Nicht, um bei unserem Spaziergang auf mehr Hindernisse zu stoßen, wie man jetzt denken könnte. Er möchte den Weg durch die Stadt dadurch sogar einfacher gestalten. Der junge Mann erklärt, dass er auf dem ruckeligen Kopfsteinpflaster in der Innenstadt aufgrund seiner motorischen Einschränkung den Joystick – also die elektrische Lenkung – verreißen würde. „Mit etwas Man- oder Frauenpower ist die Fahrt durch die Stadt angenehmer für Marko“, sagt auch Ulrike Kowalewsky, die den mechanischen Rollstuhl an diesem Tag schiebt.

Rund um das Rathaus sind glatte Wegplatten verlegt, damit Rollstuhlfahrer das Kopfsteinpflaster umgehen können – eine gute Lösung, findet die inklusive Politikgruppe. Jedoch enden diese Streifen oft im Nichts, vor weiterem Kopfsteinpflaster oder vor einer Treppe. „Um wirkliche Barrierefreiheit zu schaffen, müssten die glatten Platten überall sein und nicht einfach enden“, kritisiert Hans Knoke, als wir vor dem Rathaus stehen.

„Marko ist gleich gut durchgeshaked“, meint Ulrike Kowalewsky und schiebt den Rollstuhl mit viel Kraftaufwand weiter durch die Innenstadt. Dort, wo das Pflaster etwas ebener verlegt ist, etwa in der Eschstraße und in Abschnitten der Bahnhofsstraße, geht das Schieben schon etwas leichter. Und auch für Jochen Höke ist der ebene Straßenbelag eine Erleichterung. Durch seine Beeinträchtigung beim Gehen und die Seheinschränkungen bleibt er nämlich oft an hervorstehenden Kanten hängen. Auch bei unserem Spaziergang haben wir einige Stolperfallen entdeckt.

„Auch Menschen im Rollstuhl möchten sich gerne mal etwas Schönes zum Anziehen aussuchen oder ein Geschenk kaufen“, sagt Ulrike Kowalewsky und erklärt, wie wichtig ein barrierefreier Zugang nicht nur in den Supermarkt, die Drogerie oder die Apotheke sei. Viele Geschäfte in der Innenstadt haben bereits einen ebenerdigen Eingang. Andere Läden haben eine Rampe für Rollstuhlfahrer oder auch den Kinderwagen. Neben einer Rollstuhlrampe tragen bei vielen Geschäften auch breite Schiebetüren, oder automatisch zu öffnende Türen zu einem barrierefreien Eingang bei.

Die Rollstuhlrampe zur Bäckereifiliale Bürenkemper in der Eschstraße ist laut der inklusiven Politikgruppe ein positives Beispiel. Das Geländer gibt den Menschen, die auf die Rampe angewiesen sind, ein Stückchen Sicherheit. - © Pauline Maus
Die Rollstuhlrampe zur Bäckereifiliale Bürenkemper in der Eschstraße ist laut der inklusiven Politikgruppe ein positives Beispiel. Das Geländer gibt den Menschen, die auf die Rampe angewiesen sind, ein Stückchen Sicherheit. | © Pauline Maus

Eines der vielen Positivbeispiele ist die Rollstuhlrampe vor der Bäckereifiliale Bürenkemper an der Eschstraße. „An dem Geländer kann man sich festhalten“, sagt und zeigt Marko Schnurbusch. Ulrike Kowalewsky ergänzt: „Das Geländer gibt ein Stückchen Sicherheit.“

Gegen Ende unseres Spaziergangs sind sich die Mitglieder der inklusiven Politikgruppe einig: „Vieles ist besser geworden, aber noch nicht alles.“ Das zeigt ein konkretes Beispiel: Die Stadt habe teilweise schnell auf konkrete Mängel reagiert, erzählt Ulrike Kowalewsky. So sei unter anderem ein Stück des Bürgersteiges hinter dem Rathaus zügig erneuert worden. Die dort ausgebesserte Rampe ist jedoch nicht optimal. „Da ist leider zu steil gepflastert worden“, bedauert Hans Knoke. Als er den Rollstuhl seiner Frau dort herunterschiebt, setzt dieser auf.

Es sei wichtig, dass das Thema Barrierefreiheit in das Bewusstsein der Menschen komme. Das brauche aber Zeit, genauso wie die Umsetzung von konkreten Maßnahmen, weiß Ulrike Kowalewsky. „Barrierefreiheit umzusetzen ist auch ein Stück Bürokratie“, sagt sie. Die inklusive Politikgruppe wolle sich auch weiterhin Gehör in der lokalen Politik verschaffen und für eine barrierefreie Innenstadt eintreten.

Mehr zum Thema

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.

Kommentar abschicken
Newsletter abonnieren

Bünde-Newsletter

Jeden Donnerstagmorgen informieren wir Sie über die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region.

Wunderbar. Fast geschafft!