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Vorleserinnen: Sieglinde Liemkemann (l.) und Larissa Rothe lesen aus Aygen-Sibel Celik und Barbara Korthues "Sinan und Felix". - © Ulf Hanke
Vorleserinnen: Sieglinde Liemkemann (l.) und Larissa Rothe lesen aus Aygen-Sibel Celik und Barbara Korthues "Sinan und Felix". | © Ulf Hanke

Kreis Herford Muttersprachler lesen Märchen in zwei Sprachen beim Vorlesefest

Die neun öffentlichen Büchereien im Kreis Herford laden Kinder Anfang November zum "interkulturellen Vorlesefest". 18 erwachsene Vorleser haben sich extra dafür ausbilden lassen.

Ulf Hanke
12.10.2019 | Stand 12.10.2019, 14:21 Uhr

Kreis Herford. Bei der "Sendung mit der Maus" spricht eine Stimme jeden Sonntagmorgen auf Deutsch - und in einer anderen Sprache. Welche Sprache das ist, darüber können die Zuschauer einige Sekunden eifrig rätseln. Nach einer Kunstpause sagt die Fernsehstimme zum Beispiel: "Das war Finnisch." Ganz ähnlich soll das "interkulturelle Vorlesefest" der neun Büchereien im Kreis Herford ablaufen. Jeweils zwei Muttersprachler lesen auf Deutsch und einer anderen Sprache aus einem Märchen vor. Eine Finnin ist auch dabei: Päivi Heipmann aus Bünde wird das Märchen von der Bienenkönigin aus der Sammlung der Gebrüder Grimm in der Gemeindebücherei Hiddenhausen in ihrer Muttersprache vorlesen. Das Buch gab's zwar in keiner Bücherei im Kreis Herford auf Finnisch, erzählt Heipmann: "Aber meine Mutter in Finnland hat es in einer Bücherei gefunden." Das Vorlesefest steigt vom 5. bis zum 15. November in allen neun Stadt- und Gemeindebüchereien des Kreises Herford. Jeweils zwei Vorleser werden in ihrer Muttersprache lesen, erklärten die Veranstalterinnen Alena Friedmann und Friederike große Deters vom Kommunalen Integrationszentrum des Kreises Herford. Die Vorleser lesen das gleiche Märchen oder die gleiche eine märchenhafte Geschichte in zwei unterschiedlichen Sprachen: Arabisch, Türkisch, Chinesisch, Finnisch, Russisch und Polnisch. Vorgelesen wird maximal 20 Minuten. Einige Vorleser feiern Premiere, andere sind alte Hasen 18 Erwachsene leihen der Veranstaltung ihre Stimmen. Die Vorleser werden paarweise auftreten. Auf diesen Tag sind sie in einer 20-stündigen Schulung vorbereitet worden. Für einige Geschichten gibt es Hilfsmittel namens Kamishibai, das sind klitzekleine Theaterbühnen für Bilder. Einige Vorleser sind zum ersten Mal dabei, andere haben sogar Bühnenerfahrung wie der Löhner Gerhard Baurichter, der seit Jahrzehnten zur Stammbesetzung der Theatergruppe in der Kirchengemeinde Obernbeck gehört. Die Vorleser haben für ihren Auftritt unterschiedliche Märchen ausgewählt. In Löhne wird sogar eine Schriftstellerin selbst aus ihrem Kinderbuch vorlesen: Aygen-Sibel Celik liest am 5. November in der Stadtbücherei aus "Sinan und Felix" auf Deutsch und Türkisch. Das "interkulturelle Vorlesefest" ist noch im vergangenen Jahr nur in vier Büchereien, dafür aber an einem einzigen Tag gefeiert worden. Dieses Jahr beteiligen sich alle neun Büchereien und das Programm ist deutlich gewachsen. Das Publikum aus Kindertagesstätten, Grundschulen und offenen Ganztagsschulen ist gezielt angesprochen worden. Nach dem Zuhören laden die Büchereien zum Stöbern und Verweilen ein. Bürgermeister Poggemöller hat letzte Jahr selbst zugehört Der Löhner Bürgermeister Bernd Poggemöller hat das "interkulturelle Vorlesefest" schon im vergangenen Jahr selbst erlebt und staunte nicht schlecht, wie die Kinder sich dabei verhalten haben. Man könnte ja auf den Gedanken kommen, dass die Aufmerksamkeit rapide sinkt, sobald die Fremdsprache erklingt. "Doch genau dabei ist es viel ruhiger gewesen", erzählte Poggemöller seine Eindrücke. Landrat Jürgen Müller lobte die Idee zum "interkulturellen Vorlesefest". "Es wird viel zu wenig gelesen", sagte Müller mit Blick auf den rechtsterroristischen Angriff auf die Synagoge in Halle an der Saale. Menschen übernähmen einfach, was in sozialen Netzwerken verbreitet werde. Lesen und Zuhören, auch einer fremden Sprache, sei aber die beste Voraussetzung, rechtsextremen Tendenzen in der Gesellschaft zu begegnen.

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