0
Kennt sein Publikum genau: Faisal Kawusi weiß, wie weit er gehen darf. - © Nicolas Bröggelwirth
Kennt sein Publikum genau: Faisal Kawusi weiß, wie weit er gehen darf. | © Nicolas Bröggelwirth

Bünde Faisal Kawusi spielt sein neues Programm im Stadtgarten

Comedy: Die Vorstellung zieht rund 800 Gäste aus der näheren und weiteren Umgebung an.

Nicolas Bröggelwirth
12.10.2019 | Stand 12.10.2019, 12:30 Uhr

Bünde. Man konnte es schon fast nicht mehr ertragen. Seit Kaya Yanar und Django Asül gab es einfach zu viele Comedians und Kabarettisten, die ihren Humor einzig auf der Tatsache aufbauten, dass sie, in welcher Generation auch immer, einen Migrationshintergrund haben. Sei es Berhane Berhane, Sertac Mutlu, Bülent Ceylan, Serdar Somuncu oder Enissa Amani – am Anfang ihrer Karrieren waren es ewig die ständig gleichen Witze, die ewig auf dem ständig gleichen Humor basierten. Und noch vor etwa einem halben Jahrzehnt erklärte uns der gebürtige Südhesse Faisal Kawusi seinen lustigen Blick auf die komischen Deutschen, wobei nach spätestens zehn Minuten immer klar war: Ja, Du bist ein dicker Afghane, man hat es verstanden. Den Preis beim 13. Hamburger Comedy-Pokal musste er schließlich auch zurückgeben, als sich herausstellte, dass einige seiner Pointen zu sehr an die eines kanadischen Kollegen „angelehnt" waren. Allzu viel Moralität sollte man nicht mitbringen Doch auch Faisal Kawusi hat dazu gelernt. In seinem zweiten Programm „Anarchie" geht er seit Anfang des Jahres andere Wege. Des Themas überdrüssig entschloss er sich, es mehr und mehr zu vernachlässigen und geht stärker auf sein Alter und Generationen-Konflikte ein, was bei dem durchaus jungen Publikum sehr gut ankommt. „Ich nenne Frauen auf Tinder immer Joints, weil sie rumgereicht werden." Der merklich clevere und schlagfertige 28-jährige redet viel mit seinen Gästen, was dem Unterhaltungswert sehr gut tut, einen Abend mit ihm belebt und abwechslungsreich macht. „Gehst Du gerne in die Wilhelmshöhe?" – „Die Zeiten sind vorbei." – Wie alt bist Du denn?" – „22." Allzu viel Moralität sollte man allerdings nicht mitbringen. Wenn er eine Mutter dazu auffordert, ihrer 12-jährigen Tochter später den Begriff „fist" zu erklären oder stolz mit dem deutschen Pass vor dem Zaun eines Flüchtlingsheimes herumwedeln möchte mit den hämischen Worten „Den kriegt ihr nicht, den kriegt ihr nicht", sind das Provokationen nah an der Grenze zur Geschmacklosigkeit. Allein: Glücklicherweise hat das Publikum an diesem Abend wirklich nicht viel Anstandsgefühl mitgebracht und amüsiert sich großartig. Künstler und Auditorium hatten sich darauf geeinigt, dass Humor eben auch weh tun darf, selbst wenn Kurt Tucholsky ihn sicherlich nicht als Satire identifiziert hätte. „Flüchtlinge wären tolle Bademeister – wenn jemand weiß, wie man schwimmt." Es wird nie mit zweierlei Maß gemessen Allerdings wird auch nie mit zweierlei Maß gemessen. Kawusi besitzt einen großzügigen Hang zur Selbstironie und hat merklich ebenso viel Spaß auf der Bühne. „Was ist Dein Lieblingsfach? Sport? Meins auch." Politisch und persönlich bleibt er bewusst inkorrekt, was seinen Humor auch ausmacht. „Ich stehe drauf, wenn Frauen putzen und kochen. Andere haben Sex-Puppen, ich habe einen Staubroboter." Wie er selbst sagt, hat er meist ein Engelchen auf der einen und ein Teufelchen auf der anderen Schulter. „Meist gewinnt das Teufelchen." Der Wahl-Kölner kennt seine Zuschauer und weiß, was diese erwarten. Angelehnt an ein Zitat von Woody Allen: Eine jede Generation hat die Comedians, die es verdient.

realisiert durch evolver group