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Ein Reh auf einer Straße. - © picture alliance
Ein Reh auf einer Straße. | © picture alliance

Bünde Erschossenes Reh in Innenstadt - Kritik an Vorgehensweise von Polizei und Jäger

Ein Tierarzt und ein Jagdexperte erklären, dass eine Behandlung des verletzten Wildtieres Qualen bedeutet hätten.

Gerald Dunkel
15.05.2019 | Stand 15.05.2019, 06:21 Uhr

Bünde. Am Freitagmorgen verirrte sich ein Reh auf ein Grundstück am Kleinen Bruchweg. Es soll dort nicht zum ersten Mal gesehen worden sein. Laut Polizei verletzte sich das Tier bei Versuchen, den umzäunten Bereich wieder zu verlassen. Um auch eine Gefahr für den Straßenverkehr durch das orientierungslose Wildtier auszuschließen, informierten die Polizeibeamten einen Jäger, der das am Kopf verletzte Reh schließlich erlegte. Die Veröffentlichung dieser Polizeimeldung löste eine zum Teil heftige Debatte aus. Behandlung bedeutet für Wildtier Gefangenschaft Viele Kommentatoren in den sozialen Medien kritisieren das Vorgehen und behaupten, das Tier sei zu Unrecht getötet worden. Einige argumentieren, dass es sicher möglich gewesen wäre, das verletzte Reh mit einem Pfeil zu betäuben und später tierärztlich versorgen zu lassen, um es dann – nach erfolgter Genesung – außerhalb der Stadt wieder auszuwildern. Andere schimpfen wiederum, das Tier sei „einzig aus Kostengründen" oder sogar aus „Spaß am Töten" erlegt worden und kommentieren die Arbeit der Jäger mit unsachlichen Beiträgen. Die Vorstellung, das Reh zu betäuben, in eine Tierarztpraxis zu bringen, die Verletzungen zu versorgen und es wieder aufzupäppeln, um es wieder in den Wald zu bringen und freizulassen, sei ein idealisiertes Bild, das kaum zu realisieren sei. Da sind sich Jäger wie auch Tiermediziner einig. Sowohl Dr. Nils Ismer, Tierarzt und Inhaber des Tierparks Ströhen, wie auch der Kreisjagdberater Joachim Meyer zu Bexten aus Herford erklären, dass dem Tier durch den enormen Stress in der Gefangenschaft einer Praxis oder eines umzäunten Geheges Qualen bereitet worden wären. "Ein wildes Reh gerät in der Gegenwart von Menschen in Stress, weil es ihn - wie den Wolf - als Feind sieht", erklärt Meyer zu Bexten. "Das Tier versucht zu flüchten, auch wenn es medizinisch versorgt würde. Es handelt sich dabei schließlich nicht um ein Haustier, das den Kontakt zu Menschen gewöhnt ist und mitunter auch schon mit einem Tierarzt Bekanntschaft gemacht hat", so der Kreisjagdberater auf nw.de-Nachfrage. Abgesehen davon haben nur Tierärzte mit besonderer Ausbildung oder mit speziellem Aufgabenbereich Blasrohre oder Gewehre, mit denen beispielsweise auch Betäubungsmittel verabreicht werden können. Tier kann nicht bis zur Genesung in Narkose verbleiben Einer dieser Tierärzte ist Nils Ismer, der den Tierpark Ströhen betreibt und der sich mit Wildtieren besonders gut auskennt.  Er erklärt: "Wächst ein Reh in Gefangenschaft auf, ist eine Behandlung von Verletzungen in der Regel unproblematisch, weil das Tier Menschen kennt. Es gerät dabei nicht mehr in Panik. Bei einem Wildtier, dass sich zum Beispiel in die Stadt verirrt hat, ist das ganz anders", so Ismer. Verpasse man diesem Tier eine Narkose, sei das nur die eine Sache. Die Schwierigkeiten würden erst dann beginnen, sobald diese Betäubung nachlasse. "Sieht das Reh Menschen, bedeutet das für das Tier Gefahr. Der Stress in der dann aufkommenden Panik kann auch einen kompletten Kreislaufzusammenbruch auslösen, der tödlich sein kann. Man kann das Tier ja nicht in Narkose halten, bis die Wunden verheilt sind", so der Tiermediziner. Einsatz wird von der Polizei angeordnet, um Gefahren abzuwenden Ismer will zwar nicht behaupten, dass so etwas unmöglich wäre, aber letztlich würde es große Qualen für ein wildes Reh bedeuten. Dass sich ein Reh bis in die Stadt verirrt, kann seinen Worten zufolge bedeuten, dass es beispielsweise aufgrund einer Erkrankung orientierungslos ist und nicht mehr zurück in den Wald findet. Kreisjagdberater Joachim Meyer zu Bexten weiß, dass die Tiere meistens nachts in die Orte kommen, wenn es ruhig ist und sie keinem Menschen begegnen. Meyer zu Bexten erklärt die Vorgehensweise in einem Fall, wie er sich am vergangenen Freitag am Kleinen Bruchweg in Bünde zugetragen hat. "Befindet sich ein Wildtier auf einem Grundstück und wird die Polizei gerufen, haben die Beamten vor Ort die Entscheidungsgewalt, was mit dem Tier geschieht. Rufen die Polizisten einen Jäger hinzu, handelt dieser nur als Helfer der Polizei. Der Jäger darf ohne Freigabe durch die Beamten sowie dem Grundstückseigentümer auf gar keinen Fall schießen, weil es nicht sein Jagdbereich ist", erklärt der Kreisjagdberater. Im Grunde, so Meyer zu Bexten, könnten die Polizeibeamten auch selbst schießen, um beispielsweise Gefährdungen für den öffentlichen Straßenverkehr zu verhindern, durch die Schlimmeres passieren könnte. Die könnten gegeben sein, wenn das orientierungslose Tier in Panik durch die Stadt läuft. "Meistens ruft die Polizei aber einen Jäger hinzu, weil die Beamten womöglich nicht wissen, wo sie ein Tier treffen müssen, damit es nicht leidet." Der Gedanke der vielen Kommentatoren in den sozialen Medien, das Tier unter allen Umständen zu retten und wieder in den Wald zu bringen, sei nach Joachim Meyer zu Bexten „eine ideale Vorstellung und bestimmt auch gut gemeint. Aber sie lässt sich mit der Realität meistens leider nicht vereinbaren".

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