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Gefragt: Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge haben 2018 mehr als 9.000 Telefongespräche entgegengenommen. 68 Prozent waren Seelsorge- und Beratungsgespräche. - © Ingo Kalischek
Gefragt: Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge haben 2018 mehr als 9.000 Telefongespräche entgegengenommen. 68 Prozent waren Seelsorge- und Beratungsgespräche. | © Ingo Kalischek

Bünde Helfer der Telefonseelsorge - Anrufe zu Suizid, Ehe-Aus, Missbrauch

Engagement: Eine Bünderin ist seit Jahren als ehrenamtliche Mitarbeiterin bei der Telefonseelsorge Ostwestfalen aktiv. Sie erzählt, warum sie das macht, wie sie Menschen hilft - und welche Anrufe sie nicht mehr vergisst

Ingo Kalischek
03.04.2019 | Stand 02.04.2019, 12:09 Uhr

Bünde. Tag und Nacht sind 80 Helfer der Telefonseelsorge (TS) im Einsatz, um Menschen mit Kummer zu helfen. Die Anrufer stammen aus den Kreisen Schaumburg, Herford und Minden-Lübbecke. Die Bünderin Margit Relf (Name geändert) erklärt, wie das abläuft. Frau Relf, als ehrenamtliche Mitarbeiterin der Telefonseelsorge nehmen Sie Anrufe von Menschen mit Sorgen und Problemen entgegen. Können Sie sich an einen Anrufer besonders gut erinnern? Margit Relf: Es gibt tatsächlich Gespräche, die man nicht mehr vergisst. In meinem Fall war das ein junger Mann, der als Zugführer arbeitet - und mich in der Nacht anrief. Ein Mensch hatte sich vor den Zug gelegt. Als der junge Mann daraufhin aus dem Zug ausstieg, sah er die Unfallstelle mit allen Details; noch bevor die Einsatzkräfte und Seelsorger ausrückten. Dieser Moment hat das Leben des Mannes verändert. Das ist mir sehr nahe gegangen. Wie lief das Telefonat ab? Relf: Ich habe dem Mann einfach zugehört und das Gehörte mit eigenen Worten wiedergegeben, um sicher zu gehen, dass ich es es richtig verstanden habe. Dieses aktive Zuhören ist wichtig und steht über jeder Bewertung. Hatten Sie das Gefühl, dass Sie dem jungen Mann helfen konnten? Relf: Ja, denn vielen Anrufern ist bereits damit geholfen, dass sie sich mir anvertrauen können. Und dass ich in diesem Moment wirklich Zeit für sie und ihre Sorgen habe. So eine Möglichkeit haben die Menschen in ihrem Umfeld sonst häufig nicht. Können Sie weitere Beispiele nennen? Relf: Die Bandbreite ist groß. Mich rufen Menschen an, die in Trauer sind, weil sie eine wichtige Person in ihrem Leben verloren haben. Oder Menschen, die Probleme mit ihrer Ausbildung oder in ihrer Beziehung haben. Solche Anrufe kommen häufig in der Nacht. Manchmal rufen aber auch Menschen an, die suizidgefährdet sind, und bereits einen Abschiedsbrief geschrieben haben. Kommen Sie dabei auch an Ihre eigenen Grenzen? Relf: Das ist unterschiedlich. Wir werden mehr als ein Jahr lang auf unseren Dienst am Telefon - und somit auch auf solche Anrufe vorbereitet. Aber letztlich ist jedes Gespräch anders und dann muss man in dem Moment entscheiden, wie man dem Anrufer am besten helfen kann. Gehen Ihnen die Anrufe persönlich sehr nah? Relf: Natürlich gibt es Gespräche, die mich mitnehmen und auch anschließend beschäftigen. Wenn mich zum Beispiel junge Menschen anrufen, die Probleme mit ihren Eltern haben. Das sind die klassischen ungeliebten Kinder. So etwas geht mir oft sehr nah. In diesen Situationen bin ich dann noch mal als Mutter gefragt. Manchmal rufen auch Menschen an, die in ihrer Kindheit vor etlichen Jahren Missbrauchserfahrungen gemacht haben - oftmals in der eigenen Familie. Diese Menschen haben es oftmals ihr Leben lang schwer, wieder auf die Beine zu kommen. Das ist schlimm. Wie reagieren Sie dann? Relf: Manchmal sage ich den Anrufern, dass ich sie jetzt am liebsten einfach in den Arm nehmen möchte. Oft versuche ich mit den Menschen auch gemeinsam herauszufinden, ob es in ihrem Leben etwas Positives und Schönes gibt, für das sie dankbar sein können. Das kann zum Beispiel ein Haustier sein. Wie alt sind die Anrufer? Relf: Die ältesten sind über 90 und rufen aus dem Seniorenheim an. Die jüngsten sind Teenager. Mich haben mal Jugendliche angerufen, kaum älter als 16 Jahre, die soeben Drogen eingenommen hatten und mich fragten, ob das gefährlich sein kann. Brechen Sie solche Gespräche wenn nötig auch ab? Relf: Ja. Die Gespräche dauern meist 30 bis 60 Minuten. Nach einer gewissen Zeit sage ich dann, dass ich nun langsam zum Ende kommen möchte. Einige Anrufer klammern förmlichst. Oft ist für sie der reine Kontakt das Ziel, da sie sonst niemanden zum Reden haben. Ist denn die Nachfrage so groß? Relf: Wenn ich Dienst habe und ein Gespräch beende, klingelt in der Regel bereits wenig später das Telefon. Der Bedarf ist groß. Wenn Sie doch mit so viel Leid konfrontiert werden: Warum üben Sie diesen Dienst aus? Relf: Die Telefonseelsorge bedeutet für mich eine erhebliche Persönlichkeitsbereicherung. Ich empfinde ein hohes Maß an Dankbarkeit, dass mir Menschen ihr Vertrauen schenken. Das ist eine erfüllende Aufgabe. Auch der Austausch in der Gruppe ist toll. Was meinen Sie damit? Relf: Ich komme alle zwei Wochen mit den anderen ehrenamtlichen Mitarbeitern zusammen. Dann besprechen wir zum Beispiel einige Telefonate. Es geht darum, die eigene Haltung zu stärken. Das ist immer auch Persönlichkeitsbildung. Das ist sehr kostbar und jenseits von Small Talk. Es geht in die Tiefe. Und das verändert und bereichert auch mein eigenes Leben. Ich glaube, so etwas gibt es woanders nicht so schnell noch einmal. Das Gespräch führte: Ingo Kalischek

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