Thieß Neubert und Anne Rothäuser: Sie präsentieren ihre Meldungen im Stile eines privaten Nachrichten-Senders. - © Nicolas Bröggelwirth
Thieß Neubert und Anne Rothäuser: Sie präsentieren ihre Meldungen im Stile eines privaten Nachrichten-Senders. | © Nicolas Bröggelwirth

Bünde Wenn Satire an ihre Grenzen kommt

Auftritt: Am Mittwochabend war "Der Postillon" zu Gast im Universum. Über 130 Gäste erlebten das Internet-Magazin live auf der Bühne. Nicht jeder Witz verfing, doch ein seltsam erscheinender Gedanken blieb stets zurück

Bünde. Damit hatte Beatrix von Storch nicht gerechnet. Angela Merkel spricht sich für eine EU-Nationalmannschaft aus. Die AfD-Politikerin warf der Bundeskanzlerin Ende Mai 2016 via Facebook öffentlich vor, die europäischen Nationalstaaten auf die Weise abschaffen zu wollen. Der Mitteldeutsche Rundfunk berichtete im selben Zeitraum, dass im weiteren Zug der Rechtschreibreform die Wörter "seid" und "seit" zur orthografischen Komposition "seidt" zusammengelegt werden sollten. Im Dezember desselben Jahres stellte ein Mitglied der Reichsbürgerbewegung die These auf, Angela Merkel hätte die AfD selbst als Notlösung gegründet. Sie alle waren auf satirische Artikel des "Postillons" hereingefallen. Vom Gründen und ersten Erfolgen Am 28. Oktober 2008 gründete Stefan Sichermann, der hauptberuflich für eine Werbeagentur arbeitete, diese Webseite, die sich mittlerweile auch in den Sozialen Medien großer Beliebtheit erfreut, bisweilen in der Anzahl die geteilten Beiträge von Focus Online, der Süddeutschen Zeitung oder der Frankfurter Allgemeinen übertrifft. 2013 wurde dem Magazin der "Grimme Online Awards" verliehen. Auf der Bühne wird die Sammlung bizarrer Meldungen von Anne Rothäuser und Thieß Neubert ganz im Stile privater Nachrichtensender präsentiert, die ein darstellerisch ungemein gutes Tempo mitbringen. Sie spielen zwischen einer gekonnten Mischung aus Improvisations-Theater mit den Zuschauern, MAZ-Beiträgen mit Star-Gästen wie Markus Krebs und Herrn Schröder, einzeiligen Kurzmeldungen und lustig dramaturgischen Einfällen, wenn sie ihre Stimmen vertauschen oder die Pause ankündigen. Dabei achten sie schon darauf, nicht ganz so verwirrend zu sein, wie sie es im Internet sein könnten und ihre Satire bis hin zum Klamauk auch klar als solche zu kennzeichnen. Satire im besten Sinne Ein paar Beispiele: Der Kölner Dom wurde aus dem Fundament gehoben und einmal um die eigene Achse gedreht. Politiker müssen Logos ihrer Sponsoren auf dem Anzug tragen. Ein großes schwedisches Möbelhaus baut die Mauer für Trump zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko. Statt des Kindes wurden Mütter nach der Geburt vertauscht. Es wird demnächst Warnhinweise auf deutschen Waffen geben: "Das Herbeiführen einer Explosion lässt ihre Haut altern." Es ist Satire im besten Sinne. Jeder noch so absurde Gedanke, jede verrückte Idee, jede bizarre Verwurstung der Tatsachen wird konsequent zu Ende gedacht und einer kompositorischen Durchführung gleich wieder zur nur scheinbar lachhaften Tonika abkadenziert. Nicht jeder Witz verfängt, doch es bleibt immer ein komischer, seltsam erscheinender Gedanke zurück und haften. Was sind Fake-News, und was nicht? Auch von dieser Spannung lebt das Programm des "Postillons". Denn in der heutigen Zeit ist es tatsächlich häufig schwer, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Neben des offensichtlichen Blödsinns stellt sich bei irrsinnig anmutenden Zitaten von Markus Söder dem Zuschauer schon die Frage, ob er das wirklich gesagt hat, oder ob die Autoren es ihm in den Mund gelegt haben. Man weiß es in diesen Tagen einfach nicht mehr und beginnt zu zweifeln. Satire oder Realsatire? Diese Stimmung im Land nutzen die Autoren in bester Tradition von der "Titanic", des "Eulenspiegels" oder des "Narrenschiffs" gnadenlos und zielgerichtet aus; bei ihrer Internet-Präsenz genauso gekonnt wie auf der Bühne.    "Was darf Satire? Alles!" (Kurt Tucholsky)

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