Entwickelt zur Zeit einen zeitgemäßeren Gottesdienst: Pfarrer Markus Schäper (32) möchte Menschen ansprechen, die bislang nicht oder kaum in den Gottesdienst gehen. - © Anne Neul
Entwickelt zur Zeit einen zeitgemäßeren Gottesdienst: Pfarrer Markus Schäper (32) möchte Menschen ansprechen, die bislang nicht oder kaum in den Gottesdienst gehen. | © Anne Neul

Ein Pfarrer, der Skateboard fährt

Porträt: Markus Schäper (32) ist seit knapp einem Jahr Pfarrer in der Philippusgemeinde. Die sehr ostwestfälischen Bünder hat er liebgewonnen. Auch in den Skateparks in Bünde und Enger trifft man ihn an

Anne Neul

Bünde. Pfarrer Markus Schäper duzt gern jeden und wird gern geduzt, auch die Gemeinde im Gottesdienst. „Ich glaube nicht daran, dass es im Himmel das Sie gibt", sagt er. Das Duzen ist deshalb für ihn „die Vorstufe des Himmels". Im Gottesdienst gefalle das nicht allen, besonders einigen älteren gehe es quer runter, erzählt der 32-Jährige. Doch Markus Schäper stört es nicht, anzuecken. Er will frischen Wind in die Kirche bringen. Ausgetretene Pfade verlassen und Menschen ansprechen, die bislang nicht in den Gottesdienst gekommen sind. Schäper ist Pfarrer im Probedienst, früher Entsendungsdienst. Er ist zusätzlich zu den vier Pfarrern der Philippusgemeinde eingesetzt, um sie zu entlasten. Mit seinen Kollegen Bettina und Markus Fachner, Volker Kükenshöner und Joachim Boecker wechselt er sich mit den Gottesdiensten in Holsen-Ahle, Ennigloh und Muckum ab. Gemeinsam betreuen sie 8.132 Gemeindemitglieder. „Den Bündern ist es sehr wichtig, aus welchem Stadtteil sie kommen" Seit Oktober 2017 ist Schäper in Bünde, für mindestens zwei Jahre. „Ich kann mir gut vorstellen, länger zu bleiben", sagt er. Die ersten Monate vertrat er Pfarrerin Hake in Holsen-Ahle und Muckum, die in den Ruhestand gegangen ist. Bettina Fachner ist ihre Nachfolgerin. In Vertretung macht Schäper auch Beerdigungen in Hunnebrock, Hüffen und Werfen. „Den Bündern ist es sehr wichtig, aus welchem Stadtteil sie kommen", hat Markus Schäper festgestellt. Schon junge Menschen wüssten, ab welchem Haus der neue Stadtteil anfange. „Wenn jemand vor Jahrzehnten aus Stift Quernheim nach Muckum gezogen ist, bleibt er für die Muckumer für immer zugezogen." Auch wenn Schäper aus dem westfälischen Halle stammt und selbst Ostwestfale ist, empfindet er die Bünder als besonders ostwestfälisch. „Die Bünder sind noch ostwestfälischer als die Leute in Münster." Dort hat er sein 2,5-jähriges Vikariat absolviert. Hier sprächen die Menschen von „einem Tucken", und wenn sie sagten „es könnte schlechter sein", fänden sie es großartig. Als er einen Vorschlag machte und keiner etwas sagte, dachte er, sie hielten nichts davon. Aber keineswegs. „Wenn keiner etwas dagegen sagt, bedeutet das, alle sind dafür." "Nichts hat mein Leben so sehr verändert, wie zu glauben" Schäper bricht eine Lanze für die Ostwestfalen: „Man sagt ihnen nach, sie seien schwer zugänglich. Das finde ich überhaupt nicht." Die Bünder hätten seine Frau und ihn offen aufgenommen. Als Jugendlicher wollte er nicht Pfarrer werden. „Ich war im Konfirmanden-Unterricht der totale Skeptiker. Bis dahin ging ich einmal im Jahr zu Weihnachten in die Kirche und war voll der Chaot." Durch eine sehr gute Konfirmanden- und Jugendarbeit sei er Christ geworden. „Nichts hat mein Leben so sehr verändert, wie als ich angefangen habe zu glauben." "Ich hab' gedacht ich bin der Falsche" Später sprach ihn der Pfarrer an, ob er sich den Beruf vorstellen könne. Schäper schnupperte ein halbes Jahr ins Theologiestudium rein – und zweifelte. Er habe einen „riesen Respekt" vor dem Pfarrberuf gehabt. „Ich hab’ gedacht ich bin der Falsche." Er dachte er sei zu chaotisch, zu wankelmütig, sein Glaube zu klein. Er dachte sein Glaube müsse so stark sein, dass er für die Gemeinde mitglauben könne. „Ich habe lange mit mir gerungen." Vor 13 Jahren habe er sich entschieden. „Ich habe einen Deal mit Gott geschlossen. Wenn er einen Chaoten wie mich will, muss er damit leben." Prompt entwickelte Schäper eine Leidenschaft dafür, die Gemeinde weiterzuentwickeln und aufzubauen. „Ich möchte eine tolle Gemeinschaft aufbauen und die Welt ein Stück besser machen." Er habe große Lust, zu entwickeln, wie eine zeitgemäße, attraktive Gemeinde aussehen könne. Momentan habe sie den Kontakt zur jungen und mittleren Generation verloren. Sonntags bestehe der Gottesdienst zur Hälfte aus Konfirmanden, die andere Hälfte sei weit über 70. Das gehe auch anders. „In den Städten, in denen ich studiert habe, in Münster, Kiel und Greifswald, habe ich lebendige Gottesdienste mit Familien und Studenten erlebt." Zur Zeit entwickelt Schäper einen zeitgemäßeren Gottesdienst, den das Presbyterium beschlossen hat. Auch die neuen Konfirmanden begleitet er, 20 Jungen und Mädchen sind diese Woche gestartet. „Wenn ich dabei sein darf, wie jemand die ersten Schritte im Glauben geht, und wie ihn das verändert – deshalb mache ich so unglaublich gerne Jugendarbeit." Jugendliche sieht er auch, wenn er sich in den Skateparks am Autohof oder in Enger mit Freunden zum Skateboardfahren trifft. Schockiert war er allerdings, als ihn ein Jugendlicher auf dem Skateboard siezte. Fast ein bisschen als habe er ihn auf dem Weg in den Himmel zurückgeworfen. Doch wenn er die Gemeinde im Gottesdienst duzt, wenn der Glaube sie wie eine Familie verbindet, dann ist er dem Himmel wieder ein Stückchen näher.

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