Auch gegen den Arzt, der die Arbeiter krankgeschrieben hat, laufen Ermittlungen. Er soll Geld für die Krankschreibung bekommen haben. - © Pixabay (Symbolbild)
Auch gegen den Arzt, der die Arbeiter krankgeschrieben hat, laufen Ermittlungen. Er soll Geld für die Krankschreibung bekommen haben. | © Pixabay (Symbolbild)

Kreis Herford Riesiger Betrug mit falschen Krankschreibungen

Im Zentrum der Ermittlungen steht ein Trockenbauunternehmen. Der Chef soll seine Mitarbeiter selbst zum Arzt gefahren haben – nach der Spontangenesung gingen die dann schwarz arbeiten

Jobst Lüdeking

Kreis Herford. Wegen betrügerischer Krankengeldbezüge ist ein Trockenbauunternehmer aus Rödinghausen samt seiner Angestellten ins Visier des Bielefelder Kommissariats für Organisierte Kriminalität und des Zolls geraten.

Die Ermittler durchsuchten acht Gebäude im Kreis Herford sowie Gelsenkirchen – darunter zwei Arztpraxen, ein Steuerbüro in Bünde und ein Gebäude in Enger-Besenkamp. Darüber hinaus wurden gleich mehrere Baustellen in NRW und Niedersachsen unter die Lupe genommen.

Die Ermittlungen richten sich gegen den Geschäftsführer des Unternehmens. Der ist für die Justiz alles andere als ein Unbekannter und wurde zusammen mit weiteren Mitgliedern seiner Großfamilie vor Jahren eines Versicherungsbetrugs im großen Stil verdächtigt. Neben weiteren Angehörigen der Familie stehen auch Mitarbeiter im Fokus der Ermittlungen, die von der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Bielefeld geleitet werden.

Um einen sechsstelligen Betrag geprellt

„Den Durchsuchungen lagen Ermittlungen zu Grunde, die bei der Staatsanwaltschaft Bielefeld, beim Kommissariat zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität des Polizeipräsidiums und dem Hauptzollamt seit mehreren Monaten wegen gewerbsmäßigen Betruges geführt werden", teilte die Polizei mit.

Dabei sollen die betrügerischen Krankengeldbezüge sowohl durch die Angestellten als auch den Geschäftsführer veranlasst worden sein. Nach dem bisherigen Stand soll es sich um einen sechsstelligen Betrag handeln, um den Krankenkassen – und damit auch deren Versicherte – geprellt wurden.

Außerdem soll es in der Firma regelmäßig zum Einsatz von Schwarzarbeitern auf den Baustellen gekommen sein – ein Verdacht, der sich zumindest am Donnerstag wohl umfänglich bestätigte. „Auf den kontrollierten Baustellen und in einer Trockenbaufirma in Bünde, wurden mehrere nicht angemeldete Arbeiter angetroffen", meldet die Polizei.

Firmeninhaber fuhr die Mitarbeiter selbst zum Arzt

Bisher erklärt man sich die Masche, mit der die Betrüger vorgingen, etwa so: Der Firmeninhaber lud morgens gleich mehrere seiner Mitarbeiter ins Auto und fuhr mit ihnen zum Arzt. Der Mediziner soll die Männer dann krankgeschrieben haben – schließlich soll er für diese Krankschreibungen auch eine Vergütung erhalten haben.

Wieder aus den Bünder oder Gelsenkirchener Praxen raus, soll dann eine Spontan-Genesung der Kranken eingesetzt haben – sie nahmen ihre Arbeit wieder auf.

Bei den Durchsuchungen stellten die Beamten umfangreiche Beweismittel sicher. Selbst in den Tanks einiger Firmenfahrzeuge wurden die Ermittler fündig. Sie waren mit Heizöl betankt worden. Die Ermittlungen dauern noch an.

"Erhebliches Maß an krimineller Energie"

„Man braucht für einen solchen Betrug ein erhebliches Maß an krimineller Energie – und das auf mehreren Ebenen", erklärt eine Sprecherin des GKV-Spitzenverbandes, des Bundesverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherungen, in Berlin.

Detaillierte Zahlen über vergleichbare Fälle hat der Verband nicht. Ermittlungen werden nämlich allein von den jeweiligen Kassen geführt. Oft sind es zunächst statistische Auffälligkeiten, also die Auswertungen und der Vergleich von Daten, die die Betrügerein schließlich auffliegen lassen.

So hatte die Staatsanwaltschaft Lübeck 2014 einen groß angelegten gewerbsmäßigen Betrug mit Krankengeld beendet. Die Täter, die einen Schaden von einer Million Euro verursacht hatten, hatten etwa 30 Krankenkassen um Geld geprellt. Auch hier waren – wie im aktuellen Fall – fingierte Krankengeldanträge eingereicht worden.

Wann die Ermittlungen in Bielefeld abgeschlossen sind, ist noch unklar – die Beamten müssen zunächst das Beweismaterial sichten und die Beschuldigten befragen.

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