Impfung: Wer sich regelmäßig impfen lässt, baut von Jahr zu Jahr einen besseren Schutz auf, sagen Experten. - © PICTURE ALLIANCE
Impfung: Wer sich regelmäßig impfen lässt, baut von Jahr zu Jahr einen besseren Schutz auf, sagen Experten. | © PICTURE ALLIANCE

Bünde/Kirchlengern/Rödinghausen Bilanz: Die jüngste Grippesaison war außergewöhnlich heftig

Impfmüde: Im Bünder Land lassen sich weniger Menschen gegen die Grippe impfen als im bundesweiten Durchschnitt

Gerald Dunkel
26.05.2018 | Stand 26.05.2018, 22:24 Uhr

Bünde/Kirchlengern/Rödinghausen. Die vergangene Grippesaison war nicht nur subjektiv stärker als vorangegangene. Sicherlich hatte nicht jeder eine echte Influenza, der ein paar Tage mit Fieber zu Hause blieb. Aber nicht jeder, der krank war, wurde auch labortechnisch auf eine "echte Grippe" hin untersucht. Allein in Schulen und Kindertagesstätten im Bünder Land blieben die Reihen in so mancher Klasse oder Gruppe tageweise sehr übersichtlich und sogar auf nur ein Drittel reduziert. "Die letzte Grippewelle war außergewöhnlich", sagt der Allgemeinmediziner Martin Bünemann aus Bruchmühlen. Er gehört zum Ärztenetzwerk MuM - Medizin und Mehr, das im Projekt "TELnet@NRW" mit dem Universitätsklinikum Aachen zusammenarbeitet. Besonders bei Infektionserkrankungen bringt diese Kooperation Vorteile für hiesige Mediziner und vor allem für die Patienten. Denn in ganz Deutschland gibt es nur etwa 300 ausgebildete Infektiologen. "Die Mitglieder unseres Ärztenetzes können so per Video-Konferenz 24 Stunden täglich an sieben Tagen in der Woche Kontakt zu den Experten aufnehmen", erklärt MuM-Geschäftsführerin Annette Hempen. »Ungeimpfte Kinder können schnell zu Brandbeschleunigern werden« Besonders in Bezug auf die "echte Grippe" ist das Bünder Land für die Infektiologen ein Feld, das es zu beackern gilt, denn hier ist die Impfquote noch deutlich schlechter als der Bundesdurchschnitt von ungefähr einem Drittel. Das heißt, dass sich nur jeder Dritte, für den eine Impfung angeraten ist, tatsächlich gegen die Grippe impfen lässt. Und die von vielen Impf-Kritikern angebrachten Argumente, dass die Impfung gefährlich sei, löst bei den Infektiologen und auch bei niedergelassenen Ärzten Kopfschütteln aus. "Es gibt einfach keinen Grund, sich nicht impfen zu lassen", sagt Intensivmediziner Robert Deisz von der Uni-Klinik Aachen. Er versorgt jedes Jahr auf?s Neue Patienten, bei denen das Grippe-Virus zugeschlagen hat - darunter auch Kinder. "Und in der jüngsten Grippe-Saison bildeten sich bei den Patienten auffällig viele Lungenentzündungen", so Deisz. Lungenentzündungen sind bei einer Grippe hauptsächlich für schwerwiegende - zum Teil lebenslange Beeinträchtigungen - verantwortlich. Nicht selten auch für Tod. Hausarzt Martin Bünemann bezieht das Problem aber nicht nur auf die Person selbst, die sich nicht impfen lässt. "Ein 20-Jähriger kann eine Grippe zumeist gut wegstecken. Bei Älteren sieht das schon anders aus." Er befürwortet auch ausdrücklich Impfungen für Kinder und argumentiert gegen die oft landläufige Meinung von Eltern: "Selbst wenn das Kind die Grippe und die Folgen gut übersteht - was ist bei einem Besuch bei Oma und Opa, die das vielleicht nicht mehr so gut können?" In Schule oder Kita angesteckt, verteilen die Kinder das Virus schnell weiter, "und werden so zu Brandbeschleunigern", so Martin Bünemann. »Und plötzlich starben auch Kinder an der Grippe« Vor ein paar Monaten waren dann auch die Experten aus Aachen überrascht: "Es war eine neue Erfahrung, dass auch junge Patienten einfach und plötzlich an den Folgen einer Grippe versterben", so Robert Deisz und meint damit nicht nur den 20-Jährigen, sondern auch Kinder. "Man schnallt die Kinder im Auto ja auch an. Warum lässt man sie also nicht impfen?" fragt Mediziner Martin Bünemann. Problematisch ist das Grippevirus für bestimmte Berufsgruppen, die viel Körperkontakt zu anderen Menschen haben, wie zum Beispiel in Schulen, Kindertagesstätten und besonders auch Krankenhäusern. "Wir stellen fest, dass die Impfquote gerade beim Personal in Krankenhäusern bei nur etwa 20 Prozent liegt", sagt Mediziner und Hygieneexperte Fabian Juzek-Küpper von der Uni-Klinik Aachen. »Es gibt einfach keinen Grund, sich nicht impfen zu lassen« Nachweislich sind laut dem Robert-Koch-Institut in der Grippesaison 2017/18 in Deutschland 1.665 Menschen an den Folgen einer echten Grippe gestorben. 87 Prozent davon waren über 60 Jahre alt, von denen viele auch Vorerkrankungen hatten. Im Jahr zählte man 723 Todesfälle. Und erkrankten im vergangenen Winter labortechnisch erwiesen 333.567 Menschen an einer Influenza, waren es ein Jahr zuvor 114.200. Martin Bünemann: "Die echte Zahl der Erkrankten und der Sterbefälle kann aber viel höher liegen, denn nicht bei jedem Patienten lassen wir eine labortechnische Untersuchung vornehmen, die bestätigt, dass er eine echte Grippe hat. Und nicht jeder, der eine Grippe hat, geht auch zum Arzt." Darüber hinaus lassen sich die Grippeviren bei den Verstorbenen oft nicht mehr feststellen. "Wir wollen als Ärztenetz niemanden zum Impfen überreden oder gar erreichen, dass es irgendwann einmal eine Impfpflicht gibt", sagt MuM-Geschäftsführerin Annette Hempen. "Wir wollen aber erreichen, dass die Menschen ihre Entscheidung für oder gegen eine Impfung auf Basis einer guten Informiertheit treffen." Gegenüber Impfkritikern argumentiert Hausarzt Martin Bünemann: "Probier' die Krankheit aus, wenn sie Dir besser gefällt."

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