Der verdiente Lohn für einen außergewöhnlichen Abend: Ein begeistertes Publikum bedankte sich bei Dietmar Bär (v.l.), Alexander Buzlov, Elisaveta Blumina, Alissa Margulis und Stephan Szász. - © Philipp Tenta
Der verdiente Lohn für einen außergewöhnlichen Abend: Ein begeistertes Publikum bedankte sich bei Dietmar Bär (v.l.), Alexander Buzlov, Elisaveta Blumina, Alissa Margulis und Stephan Szász. | © Philipp Tenta

Rödinghausen Stephan Szász begeistert mit Bulgakow

Wege durch das Land: Einer der wichtigsten russischen Romane des 20. Jahrhunderts steht auf dem Programm. Osteuropäische Musik des vergangenen Jahrhunderts wird in der Kulisse von Gut Böckel entdeckt

Philipp Tenta

Rödinghausen. Mit Michail Bulgakows "Der Meister und Margarita" stand einer der wichtigsten russischen Romane des 20. Jahrhunderts auf dem Programm. Eine vielschichtige, fantastische Erzählung gefüllt mit anarchistischem Humor und subversiven Seitenhieben, gleichzeitig macht sich der Roman die menschlichen Schwächen zu seiner größten Stärke. Stephan Szász gibt als Erzähler den unterschiedlichen Protagonisten wie Voland, Fagott oder Berlioz eigene Stimmen. Dabei gelingt es ihm, die Zuhörer vom ersten Moment an in die Geschichte hinein zu ziehen, ohne dass einem seine virtuose schauspielerische Leistung bewusst wird. Die Pianistin Elisaveta Blumina untermalte die Lesung mit Auszügen aus Grigori Frids Ungarischem Album. Gemeinsam mit dem russischen Cellisten Alexander Buzlov wurde eine beeindruckende Interpretation von Prokofjews Cellosonate gegeben. Eine Komposition, die Cellisten Gelegenheit gibt, die Klangmöglichkeiten ihres Instruments bis aufs Äußerste auszunutzen, gleichzeitig aber auch feinfühlig-emotional bleibt. Thema des Abends war die Problematik künstlerischen Schaffens unter Stalins Diktatur Blumina gilt als eine der größten Spezialistinnen für osteuropäische Musik des 20. Jahrhunderts. Besonders setzt sie sich für den von ihr wiederentdeckten polnisch-jüdischen Komponisten Mieczaslaw Weinberg ein, von dem sie zum Auftakt der Veranstaltung Stücke aus seinen "Kinderheften" interpretierte. Kompositionen, die einen humorvollen Musiker zeigen, der sich aber auch bei der Verwendung traditioneller Melodien nicht populärer Gefälligkeit bedient. Das Thema des Abends war die Problematik künstlerischen Schaffens unter Stalins Diktatur. Nicht nur Bulgakow hatte oft mit Publikations- und Aufführungsverboten zu kämpfen, auch die an diesem Abend aufgeführten Komponisten kannten sowohl Aufführungsverbote als auch Inhaftierungen. Die Konflikte von Dmitri Schostakowitsch mit dem Zentralkomitee der KPdSU sind Ausgangspunkt für Julian Barnes neuen Roman "Der Lärm der Zeit". In den ausgewählten Kapiteln erlebt man den Komponisten, wie er vor der Aufzugstür seiner Mietwohnung auf seine Verhaftung wartet oder wie er im Flugzeug auf dem Rückflug von einem Kongress in den USA leidet. Man taucht ein in Gedanken und Erinnerungen, ist sich dabei aber nie ganz sicher, ob man der Gedankenwelt Schostakowitschs oder der des Autors näher kommt. Mit Dietmar Bär wurde einer der bekanntesten und beliebtesten deutschen Film- und Fernsehschauspieler für diesen Abend gewonnen. Als Freddy Schenk ist er seit Jahrzehnten regelmäßiger Gast in deutschen Wohnzimmern, auf Gut Böckel konnte er in Fleisch und Blut erlebt werden. War man kurz zuvor von Stephan Szász Temperament positiv überrumpelt worden, ließ man sich von Bärs Stimme bereitwillig in den Text hineinziehen. Feinste Erzählkunst. Zum Abschluss wurde das zweite Trio von Schostakowitsch aufgeführt Zum Abschluss wurde das zweite Trio von Schostakowitsch aufgeführt, ein packendes Werk, in dem der Komponist, trotz zunehmenden Antisemitismus, Themen aus der jüdischen Volksmusik verarbeitete. Harmonische Komplexität und das Spiel mit Klangfarben ziehen die Zuhörer in ihren Bann, während die oft populären Melodien und Tanzrhythmen durch ihre Einfachheit faszinieren. Alissa Margulis (Violine), Alexander Buzlow (Cello) und Elisaveta Blumina (Klavier) sind perfekt und sensibel aufeinander eingespielt, sie musizieren temperamentvoll mit der für russische Musik nötigen Schwermut, die gleichzeitig versteckten Humor in sich trägt. Wer das royale Picknick in Windsor verpasst hatte, fand auf Gut Böckel eine Alternative. Man konnte sich in der Pause verwöhnen lassen oder sich mit einem Spaziergang durch den Park etwas Gutes tun, versteckte Schätze entdecken oder einfach nur Sonne und Blütenpracht genießen. In ihrem kurzen Einführungsvortrag spannte Helene Grass einen virtuosen Bogen von der russischen Vorgeschichte von Gut Böckel über die russische Literatur und Musik des zwanzigsten Jahrhunderts bis hin zur Problematik der künstlerischen Freiheit unter Diktaturen.

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