Schnelle Hilfe: Chirurg Hans-Jürgen Beckmann leitet in dieser nachgestellten Szene eine Pflegekraft in einem Pflegeheim beim Wechseln eines Verbandes an und gibt eine erste Diagnose über den Heilungsprozess. - © Gerald Dunkel
Schnelle Hilfe: Chirurg Hans-Jürgen Beckmann leitet in dieser nachgestellten Szene eine Pflegekraft in einem Pflegeheim beim Wechseln eines Verbandes an und gibt eine erste Diagnose über den Heilungsprozess. | © Gerald Dunkel

Bünde Elektronische Visite: Sprechstunde auch zu Unzeiten

Entwicklung aus Bünde etabliert sich bundesweit: Ein Bochumer Software-Unternehmen hat die Elektronische Visite nun in ein Programm für die Palliativmedizin eingebunden

Gerald Dunkel

Bünde. Als die „Elektronische Visite" (ElVi) vor einigen Jahren in Bünde ihren Ursprung fand, malten sich die Mediziner verschiedene Möglichkeiten ihrer Nutzung aus. Mehrfach ausgezeichnet, wird sie seit mehr als einem Jahr standardisiert in vielen Praxen in Bünde und Umgebung angewandt. Nun ist sie zudem Bestandteil einer Software speziell für die Palliativmedizin. Und die Einsatzbereiche des aus Bünde stammenden Systems sind damit noch nicht ausgeschöpft. "Es geht um eine schnelle Hilfe für Betroffene und Angehörige." Palliativmedizin ist in der Betreuung von Kranken ein zunehmend wachsendes Betätigungsfeld. Palliativstationen in Krankenhäusern sind oft schon belegt, da ist die Farbe an den Wänden noch feucht. Seit Anfang des Monats ist die ElVI in ein Computerprogramm namens ISPC (Informationssystem Palliative Care) eingebunden, das vom Bochumer Unternehmen Smart-Q speziell für die palliativmedizinische Betreuung konzipiert wurde. Menschen mit einer weit fortgeschrittenen Erkrankung und einer daraus resultierenden begrenzten Lebenserwartung und deren Angehörige stehen im Fokus der Palliativmedizin. „Im palliativen Bereich sind Angehörige und Patienten auf eine schnellstmögliche, kompetente Unterstützung angewiesen", sagt Daniel Zenz, Geschäftsführer des Bochumer Unternehmens. Durch die Videosprechstunde mittels ElVi kann der Arzt auch zu Unzeiten schnell reagieren. „Dies ist vor allem auch für ländliche Versorgungsregionen mit langen Anfahrtswegen von bedeutender Wichtigkeit", so Zenz weiter. "Wir wollen mit diesem Thema vorankommen." Ein kurzer virtueller Hausbesuch kann in vielen Situationen bereits Ängste entkräften. Für die Integration der Videokommunikation spricht zudem, dass überhastete Krankenhauseinweisungen mit einer einfachen Möglichkeit zur Nachfrage verhindert werden können. Deutschlandweit arbeiten derzeit 2.500 regelmäßige Anwender mit der ISPC-Software. Daniel Zenz und der Bünder Chirurg Hans-Jürgen Beckmann, Geschäftsführer der La-Well Systems GmbH, die ElVi entwickelt, haben bereits viele Ideen dazu, auch in anderen besonders komplexen Versorgungsbereichen zusammenzuarbeiten. Hierzu zählen etwa die Versorgung von geriatrischen Patienten, Patienten mit Schmerzen oder Heimbeatmete. „Wir wollen mit diesem Thema vorankommen, und das gelingt nur, wenn wir unsere Strategie klar an Alltagserfordernissen der Kolleginnen und Kollegen ausrichten," ist Hans-Jürgen Beckmann überzeugt, der seit 2014 die Elektronische Visite schon bei vielen Gelegenheiten vorgestellt hat, unter anderem bei Politikerbesuchen. "Durch ElVi werden die Visiten nicht weniger - im Gegenteil." Kritiker könnten behaupten, dass die Elektronische Visite dem eigentlichen Ansinnen von Palliativmedizinern – nämlich nah am Patienten und seinen Angehörigen zu sein – widerspricht. „Wenn man die Situation sieht, in denen sich die Palliativpatienten und deren Angehörige manchmal zu Hause befinden, dann ist die ElVi nur eine zusätzliche Visite", sagt Mediziner Hans-Jürgen Beckmann. Manchmal gehe es nur um Fragen, ob man beispielsweise noch eine zusätzliche Ampulle Morphium geben kann, weil der Angehörige starke Schmerzen habe. „Wenn ich als Arzt den Patienten vorab schon mal auf dem Bildschirm sehe und seine Verfassung gut einschätzen kann, kann ich ruhigen Gewissens der Gabe einer weiteren Ampulle zustimmen", so Beckmann weiter. Im Weiteren lasse sich dann entscheiden, ob eine persönliche Visite nötig sei. Durch die Anwendung von ElVi ist die Anzahl der Visiten nicht weniger geworden – im Gegenteil. „Die Versorgung und der Kontakt zu den Patienten ist dichter geworden", sagt Hans-Jürgen Beckmann.

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