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Das provisorische Schild am Straßennamen. - © Frank Gnegel
Das provisorische Schild am Straßennamen. | © Frank Gnegel

Bünde Historiker kritisiert Bünder Nazi-Straßennamen

Umgang mit Geschichte: Frank Gnegel ärgert sich seit Jahren über den Namen Lettow-Vorbeck-Straße. An den Osterfeiertagen hat er eine Information am Straßenschild angebracht, wer Paul von Lettow-Vorbeck war

Anne Neul
19.04.2017 | Stand 20.10.2017, 12:24 Uhr

Frank Gnegel aus Frankfurt ist seit vielen Jahren mit einer gebürtigen Bünderin verheiratet. „Seit meinem ersten Besuch in Bünde bin ich entsetzt darüber, dass es in dieser Stadt noch immer eine Lettow-Vorbeck-Straße gibt – eine Person, die zahlreiche Kriegsverbrechen begangen hat, in der Weimarer Republik gegen die demokratisch gewählte Regierung geputscht hat und die als Mitglied von Stahlhelm und Deutschnationaler Volkspartei den Boden für den Nationalsozialismus bereitet hat." Er wisse, dass es in Bünde bereits Diskussionen darüber gegeben habe, die Straße umzubenennen – was allerdings aus finanziellen Gründen abgelehnt worden sei. Während seines jüngsten Besuchs bei den Schwiegereltern in Bünde hat Gnegel an allen vier Straßenschildern, die den Namen der „Unperson" Lettow-Vorbeck trügen, mit Zusatztexten versehen, „um zumindest Passanten auf den Ungeist hinzuweisen, dem in Bünde immer noch gehuldigt wird", schreibt Gnegel an die Neue Westfälische. Der Historiker leitet die Abteilung Sammlungen am Museum für Kommunikation Frankfurt. Vor seinem Besuch in Bünde hatte Gnegel den Bericht einer Historikerkommission gelesen, welche die Straßennamen in Freiburg überprüft hat und zum Teil eine Umbenennung vorgeschlagen hat oder alternativ zumindest Ergänzungsschilder aufzuhängen. Das habe ihn dazu bewogen, die Information zu Vorbeck in Bünde aufzuhängen, erzählt Gnegel. Da Bünde offenbar unwillig sei, die Lettow-Vorbeck-Straße umzubenennen, sei ein Zusatzschild eine gute Idee, findet er. Mit Blick auf die Bünder Hindenburgstraße sagt Gnegel, über Hindenburg könne man diskutieren. Er habe Adolf Hitler an die Macht verholfen, habe sich falsch entschieden. Generell sei es schwierig, historische Personen nach heutigen Maßstäben zu bewerten. Hinterher sei man immer schlauer. Bei Lettow- Vorbeck sei die Sachlage jedoch eindeutig. „Er hätte es besser wissen können." Es stehe einem Gemeinwesen schlecht zu Gesicht, wenn Straßen nach Kriegsverbrechern und Demokratiefeinden benannt würden, schreibt Gnegel. Natürlich gebe es gelegentlich Kritik an Straßennamen, dessen Personen nicht immer rühmliche Rollen gespielt hätten, sagt Bürgermeister Wolfgang Koch auf Anfrage der NW. Es sei jedoch nicht der richtige Weg, privat Schilder anzubringen. „Diese Art finde ich merkwürdig." Über die Fraktionen im Rat könne jeder eine Umbenennung beantragen. Bei einem Namenswechsel müsse man die Interessen derjenigen berücksichtigen, die an der Straße wohnten oder ein Unternehmen oder Geschäft betrieben. Auf die Frage, ob das Schild hängen bleiben könne, sagte Koch, es könne nicht richtig sein, dass jeder Informationen an Straßenschildern anbringe. Solch ein Informationsschild erfordere einen politischen Beschluss. „Wenn jemand das diskutiert haben möchte, kann er sich ja an eine der Fraktionen wenden", sagte Koch. Er habe nichts dagegen, über Lettow-Vorbeck zu informieren. Er werde mit einem Ordnungsamtsmitarbeiter sprechen, dass er die Schilder in Augenschein nehme. „Mal gucken, was wir damit machen." „Informationstafeln zu Lettow-Vorbeck wären wünschenswert", sagt Hobby-Stadthistoriker Jörg Militzer. Bislang sei zweimal versucht worden, die Lettow-Vorbeck-Straße umzubenennen. Das sei in Bünde sehr schwierig. Eigentlich sei es in dem Fall überfällig, würde wahrscheinlich aber im Sande verlaufen. Die Lettow-Vorbeck-Straße kommt – wie noch andere zur Zeit des Nationalsozialismus umbenannte Bünder Straßen – in Militzers Stadtrundgang „Straßennamen erzählen Geschichte(n)" vor. Interessant ist, dass die Lettow-Vorbeck-Straße erst nach dem Zweiten Weltkrieg so genannt wurde, und dass es bereits die zweite Lettow-Vorbeck-Straße in Bünde ist: Am 13. Mai 1937 wurde die Heidestraße in Lettow-Vorbeck-Straße umbenannt. Am 18. Oktober 1946 wurde sie wieder in Heidestraße umbenannt. Dafür wurde die Klinkenkolkstraße, die auf das heutige Restaurant „Zur Klinke" führt, in Lettow-Vorbeck-Straße umbenannt. Der Radiohändler Edwin Kranz, der im Rahmen der „Arisierung" des jüdischen Eigentums 1938 die jüdische Zigarrenkistenfabrik Rodenberg & Rosenbaum (heute Thomas Philipps Sonderposten) übernommen hatte, hatte um eine Umbenennung der Straße gebeten. Klinkenkolkstraße gefiel ihm nicht.

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