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Mit viel Gefühl: Tatiana Schuster interpretierte Rachmaninow erfrischend modern. - © Foto: Bröggelwirth
Mit viel Gefühl: Tatiana Schuster interpretierte Rachmaninow erfrischend modern. | © Foto: Bröggelwirth

Bünde Den Gefühlen Raum lassen

Konzert: Tatiana Schuster spielte in der Neuapostolischen Kirche am Südring

Nicolas Bröggelwirth
01.03.2017 | Stand 28.02.2017, 18:34 Uhr

Bünde. Es besteht immer die Gefahr, allzu ehrfurchtsvoll mit einem Werk oder einem Komponisten umzugehen. Der erliegt Tatiana Schuster nicht. Die Musik beherrscht nicht sie, sie beherrscht auf analytische Weise die Musik. Dennoch spielte sie die sechs "Musikalischen Momente op.16" genauso unschuldig und unbedarft, von keinerlei Vorurteilen bedeckt, wie der damals 23-jährige Komponist sie erdacht haben mag. Sergej Rachmaninow befand sich zu dieser Zeit in ärztlicher Behandlung beim Psychiater Nikolai Dahl, der ihn mittels Hypnose zum Komponieren bringen wollte. Selbst Rachmaninow war später erstaunt über den Erfolg dieser ihn entnervenden Methode. Auf der Höhe der Zeit interpretierte Schuster, die unter anderem in Hannover und Sankt Petersburg studiert hat, den Romantiker völlig unprätentiös. Die spielerische Leichtigkeit in den Läufen mochte man ihr durch die zeitweise harten Anschläge nicht ganz abnehmen, wohl aber die hohe Emotionalität, mit der sie den späten Romantiker auslegte, wobei sie gekonnt tiefgreifende Melancholie mit purer Lebensfreude abzulösen wusste. Auch wenn ihre starken Akzente der Dramaturgie meist wenig Platz ließen, verschmolz in ihrem Spiel die Auslegung des Intentionalen zu einer Selbstverständlichkeit, die nur durch die Liebe zur Wirkung überboten wurde. Sie nahm die Schwermut der Harmonien mit auf den Weg, die Freuden des Rhythmus? zu transportieren. Die Einheit zwischen linker und rechter Hand zerbrach in zwei Welten, während die Bemühungen ihrer Koexistenz im Klangraum der Kirche widerhallten. Gekonnt verzögerte sie von Zeit zu Zeit das Tempo, um freizügig auch dem Zuhörer Platz für Gefühle zu lassen. Etwa 50 Gäste konnten darüber hinaus passend zum baldigen Frühling noch die Lieder "Flieder" und "Margeriten" sowie die Variationen op. 42 erleben. Im Vorwort hieß es, der "Zustand der seelischen Reinheit" werde "durch die Musik wunderbar beschrieben". Darüber mag man streiten. Ist es nicht gerade die innere Zerrissenheit, die diesen Komponisten und seine Werke so hörenswert macht? Ein weiteres Konzert mit Tatiana Schuster findet am Samstag, 1. April, um 18 Uhr in der Neuapostolischen Kirche in Herford statt.

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