Einer der Initiatoren von ElVi: Chirurg und MuM-Vorstand Hans-Jürgen Beckmann bei einer Visite via Internet, die mit einem hohen Sicherheitsstandard verschlüsselt übermittelt wird. - © Gerald Dunkel
Einer der Initiatoren von ElVi: Chirurg und MuM-Vorstand Hans-Jürgen Beckmann bei einer Visite via Internet, die mit einem hohen Sicherheitsstandard verschlüsselt übermittelt wird. | © Gerald Dunkel

Bünde. Telemedizin: Arztvisite per Video hält Einzug in die Wohnzimmer der Patienten

In der kommenden Woche winkt dafür vielleicht ein Innovationspreis

Gerald Dunkel

Bünde. Das Mengenverhältnis zwischen pflegebedürftigen Menschen und Pflegepersonal krankt seit Jahren und auch auf die Ärzte entfallen statistisch immer mehr Menschen, die von ihnen behandelt werden wollen. In vielen Fällen ist ein direkter Kontakt von Arzt und Patient aber nicht unbedingt notwendig. Das stellt sich aber oft erst im Nachhinein heraus. Heide Müller ist 83 Jahre alt und macht sich Sorgen um ihre geschwollenen Füße. Der Hausarzt stellt einige Fragen und schaut sich die Unterschenkel und Füße seiner Patientin an. "Kein Grund zur Sorge", meint der Arzt schließlich und Heide Müller kann beruhigt aufatmen. Doch statt in der Praxis ihres Hausarztes saß Heide Müller daheim auf dem Sofa, über ihren Tablet-Computer mit zugehöriger Kamera sprach sie im Live-Video mit dem Arzt ihres Vertrauens. Nicht selten verbringen niedergelassene Mediziner unnötig Zeit in ihrem Auto, weil sie zu einem vermeintlichen Notfall gerufen werden. Manchmal unterbrechen sie dafür sogar die Behandlung in ihrer Praxis. Vor einigen Jahren wurde vom Bünder Ärztenetz MuM - Medizin und Mehr ElVi ins Leben gerufen, die elektronische Visite. Sie wurde bereits im Frühjahr 2014 beim Kongress der Gesundheitsnetzwerker in Berlin ausgezeichnet. Die seitdem weiterentwickelte ElVi hat nun Chancen auf einen mit 5.000 Euro dotierten Innovationspreis beim 7. Nationalen Fachkongress für Telemedizin. ElVi ist schon Alltag in Bünde und Umgebung. Das Videokommunikationssystem ermöglicht die direkte Kontaktaufnahme von Arzt und Patient mit Live-Übertragung von Video und Messdaten zum Gesundheitszustand einer Person. Kleine Messgeräte wie etwa mobile EKGs können einfach angeschlossen und die Messergebnisse dem Arzt automatisch übermittelt werden - in Echtzeit und unabhängig davon, wo Arzt und Patient gerade sind. Entwickelt wird die Anwendung von der Bünder La-Well Systems GmbH. Seit April 2016 ist die ElVi im Raum Ostwestfalen-Lippe in ein regionales Modellprojekt eingebunden, das vom Ärztenetz Medizin und Mehr eG (MuM) koordiniert wird. Dieses umfasst 14 Arztpraxen sowie neun Pflegeeinrichtungen mit insgesamt 1.200 pflegebedürftigen Personen, die ihre Ärzte nun auch über das Internet erreichen können. Annette Hempen, Geschäftsführerin des Ärztenetzes MuM, erklärt den Nutzen des Systems: "Im Modellprojekt hat sich bereits gezeigt, dass eine ganze Reihe von Arztbesuchen in der Praxis eingespart werden können, wenn Routinekontrollen, etwa bei der Wundheilung, per Videovisite abgehalten werden. Besonders bedeutsam ist das, wenn für den Weg zum Arzt ein begleiteter Krankentransport nötig gewesen wäre. Neben einer besseren Erreichbarkeit der Ärzte ermöglicht die elektronische Visite auch eine bessere Behandlungsqualität. Durch die unkomplizierte Handhabung können Visiten häufiger durchgeführt werden, womit eine intensivere Betreuung der Patienten möglich wird. Befundänderungen können so früher erfasst und natürlich im Falle einer Verschlechterung auch früher behandelt werden." Gerade was die durch ElVi eingesparten Krankentransporte vom Pflegeheim zur Arztpraxis und wieder zurück betrifft, dürften sich die Pflegeeinrichtungen, Ärzte, aber auch die Krankenkassen freuen. Die Einrichtungen müssen nicht über teilweise Stunden eine Begleitperson für den Patienten abstellen. Die Kassen sparen für jeden nicht stattgefundenen Krankentransport einige Hundert Euro. Nun ist die ElVi im Rennen um den Telemedizinpreis der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin e.V. Die jährliche Auszeichnung richtet sich an innovative Projekte aus dem Bereich Telemedizin. Am 3. November wird im Rahmen des 7. Nationalen Fachkongresses Telemedizin bekanntgegeben, wer das Rennen um den Preis gemacht hat.

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