Bünde Mit 43 in die Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten

Anne Neul
29.09.2016 | Stand 28.09.2016, 22:24 Uhr

Bünde. 60 Bewerbungen hat Nicole Pulver (43) aus Lippinghausen geschrieben, bevor sie bei Elisabeth Hoffmann-Gallhoff in der Kanzlei Abke & Gallhoff eine Ausbildungsstelle gefunden hat. Die alleinerziehende Mutter suchte nach einer Ausbildung in Teilzeit, um sich weiter um ihre drei Kinder (24, 17 und 5 Jahre) kümmern zu können. "Viele Arbeitgeber kennen das Teilzeitmodell für Ausbildungen überhaupt nicht", sagt Pulver. Viele hätten ihr gleich am Telefon abgesagt. Allein die Tatsache, dass man Kinder habe, sei häufig schon ein Hinderungsgrund für eine Ausbildung, sagt Sarah Schwalowski aus Kirchlengern. Die 29-Jährige ist im dritten Lehrjahr der Teilzeitausbildung bei Hoffmann-Gallhoff. Sie hat einen 12-jährigen Sohn. Zur Zeit der Bewerbung war sie ebenfalls alleinerziehend, inzwischen hat sie einen Partner. Sie habe mehr als 60 Bewerbungen geschrieben, bevor ihr Hoffmann-Gallhoff eine Chance gab, erzählt sie. Zustande gekommen ist der Kontakt zwischen den Müttern und Hoffmann-Gallhoff über Jutta Dudek vom Bildungsträger In Via in Herford. Dudek und Kollegen unterstützen Mütter beim Einstieg und Wiedereinstieg in einen Beruf. Einmal im Jahr besucht Dudek mit 8 bis 10 Frauen Hoffmann-Gallhoff in der Kanzlei und sie stellen das Modell der Teilzeitausbildung vor. Pulver ist an zwei Tagen in der Woche in der Berufsschule in Bielefeld, wie bei einer Vollzeitausbildung, dafür steht sie um vier Uhr auf. 25 Stunden pro Woche ist sie in der Kanzlei. Aufgrund der reduzierten Wochenstundenzahl verlängert sich ihre Ausbildung von drei auf 3,5 Jahre. Pulver und Schwalowski haben beide zunächst zwei Praktika in der Kanzlei Abke & Hoffmann-Gallhoff gemacht, Pulver drei und sechs Wochen, Schwalowski zweimal vier Wochen, danach arbeitete sie einen Monat lang auf 400-Euro-Basis. Das sei für beide Seiten gut, um sich und das Arbeitsumfeld kennenzulernen und zu entscheiden, ob man die Ausbildung wolle, sagt Hoffmann-Gallhoff. Bei Pulver und Schwalowski hat sie da keine Zweifel. "Die Frauen, die hier eine Teilzeitausbildung anfangen, haben sich das genau überlegt", sagt die Rechtsanwältin. Schüler begännen eine Ausbildung manchmal auf Wunsch der Eltern, das sei bei den Müttern anders. Sie seien zudem sehr gut organisiert. Sie sei froh, dass sie endlich eine Ausbildung gefunden habe, sagt Pulver. "Es ist nicht gut für den Kopf, immer nur zu Hause zu sein und die Wand anzustarren." Sie arbeite gerne. Ohne Ausbildung werde man jedoch immer nur als Aushilfe eingestellt, schlecht bezahlt und sei der Erste, der gekündigt werde. "Ich hatte Existenzängste und Panikattacken." Mit 19 habe sie eine Ausbildung zur Steuerfachangestellten angefangen, die wegen ihres ersten Kindes jedoch abgebrochen. Zwischen den Schwangerschaften habe sie gearbeitet, sie wollte auch immer eine Ausbildung machen. "Man fühlt sich dann besser, das Selbstwertgefühl steigt. Mutter sein kann jeder." Die Gesellschaft erkenne häufig nicht an, was Mütter leisteten, sagt Dudek. Vor allem die Mütter selber würden sich nicht dafür anerkennen. "Das ist doch selbstverständlich, dass meine Kinder pünktlich in der Schule und ich pünktlich bei der Arbeit bin", dächten viele. "Ich freue mich, dass ich junge Mütter unterstützen kann", sagt Hoffmann-Gallhoff. Die lebenslange Ehe als Versorgung gebe es kaum noch. Pulver ist die dritte Teilzeitauszubildende, die erste hat ihre Ausbildung im vergangenen Jahr abgeschlossen und arbeitet in einer Kanzlei in Enger. Eine Teilzeitausbildung sei die Antwort auf gleich mehrere gesellschaftliche Probleme, sagt Hoffmann-Gallhoff: Die Menschen würden immer älter und arbeiteten länger, Alleinerziehende seien häufig arbeitslos, und Unternehmen fehlten Fachkräfte. "Mit den arbeitslosen Frauen liegt so viel Potenzial brach, das nicht abgerufen wird", sagt Hoffmann-Gallhoff. Mütter, die eine Ausbildung suchen, können sich gerne bei Jutta Dudek von In Via melden unter Tel. (0 52 21) 5 64 16 oder per E-Mail an j.dudek@invia-herford.de.

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