Entspannt: Stefan Boes ist dem Yoga-Trend bisher nicht gefolgt. Die Probestunde beim Kundalini-Kurs in Bünde hat sich aber als durchaus bereichernd herausgestellt. - © GERALD DUNKEL
Entspannt: Stefan Boes ist dem Yoga-Trend bisher nicht gefolgt. Die Probestunde beim Kundalini-Kurs in Bünde hat sich aber als durchaus bereichernd herausgestellt. | © GERALD DUNKEL

Bünde Die Sehnsucht nach Ruhe

Serie "Kein Stress!": In einer dreiteiligen Serie begibt sich Stefan Boes auf die Suche nach der verlorenen Zeit. Denn Zeit ist in der Beschleunigungsgesellschaft von heute immer knapp. Der NW-Volontär traf sich mit der Bünder Yogalehrerin Inka Ekholm - und machte ganz neue Erfahrungen

Bünde. Weniger Stress. So lautet nach einer DAK-Umfrage der häufigste Vorsatz für das neue Jahr. "62 Prozent der Befragten nehmen sich für das kommende Jahr vor, gezielt Stress abzubauen oder zu vermeiden", heißt es in der Studie der Krankenkasse. Zu diesen 62 Prozent gehöre ich. In der Redaktion eines Medienhauses erlebe ich das Tempo der Welt täglich; ständige Kommunikation, ständige Erreichbarkeit, ständig auf mich einwirkende Informationen; der regelmäßige Blick auf die Armbanduhr, weil der nächste Termin näher rückt. Immer richtet sich der Blick nach außen, nie nach innen. Wenn ich das Büro verlasse, werde ich nicht langsamer. Nach Feierabend und am Wochenende gilt es, die Freizeit effizient zu nutzen. Ich muss Sport machen. Die Nachrichten sehen. Mich endlich um die Altersvorsorge kümmern. Und meine Freunde treffen, oder ihnen zumindest bei Whats-app schreiben. Am Ende muss ich dringend etwas unternehmen, um zu entspannen, zu entschleunigen, denn sonst drohen Burn-out und Depression. Ich frage mich: Wie geht das, weniger Stress? Ich bin zu Inka Ekholm gefahren, um mir zeigen zu lassen, wie man so etwas wie "Gelassenheit des Geistes" erreichen kann. Um an ihrem Yogakurs teilzunehmen, brauche ich drei Dinge: "den Mut zum Tun, Dich in bequemer Kleidung und stilles Wasser." Ständig etwas tun zu müssen, gehört zum heutigen Lebensgefühl In Jogginghose - beste Grundlage für Gelassenheit des Geistes - trete ich also an einem grauen Vormittag in den Übungsraum. Weiße Wände, weiße Vorhänge, weiße Teppiche, weiß gekleidete, freundliche Menschen, die mich mit Umarmung begrüßen. Man duzt sich. Kein Problem, ich bin Stefan. Ich suche mir einen Platz in der Ecke, sitze bald mit verschränkten Beinen auf der Yogamatte wie auf einer Wolke. Das Redaktionsbüro ist weit entfernt. Die Teilnehmer werden leiser, verstummen. Einatmen. "Ong Namo Guru Dev Namooo!" Einatmen. "Ad Guree Namee. Djugad Guree Namee." Mantren zum Beginn. Ich höre nur zu. Wir stehen auf, zum Sonnengruß, davon habe ich gehört: eine Körper- und Atemübung, in der verschiedene Haltungen ineinander übergehen. Das soll den Körper in Fluss bringen, wenn ich das richtig verstanden habe. Mit sanfter Stimme erklärt Inka Ekholm die Bewegungen. Die Übungen sind nicht befremdlich. Sie unterscheiden sich für mich nicht sehr vom Kräftigungssport, den ich kenne. Während der Yogastunde wechseln sich Körpertraining, Atemübungen und Meditationsphasen ab. Die Augen sind meist geschlossen, damit keine äußeren Reize einwirken. Das Ziel der Übungen ist: Neutralität, Leerung des Geistes, Stärkung der Intuition, Veränderung von Gedankenmustern. Natürlich ist die Praxis und Tradition des Kundalini Yoga weit umfassender. Doch es kommt nicht darauf an, die Philosophie zu studieren, sondern sie zu praktizieren. Schwer ist das gar nicht. Sicher, diese Mantren klingen erst komisch, aber der Sinn und die Wirkung des Ganzen entfalten sich nicht nach einem Mal, das ist mir klar. Da auf der Matte zu sitzen und zur Ruhe zu kommen, ist das eine. Wie von selbst gerät man in einen anderen Bewusstseinszustand. Aber die Alltagsgedanken - nicht selten Belastungen und unbewusste Ängste, wie Inka Ekholm später sagen wird - wahrzunehmen und dann einfach weiterziehen zu lassen, als wären sie nichts. Das bedarf der Übung. Inka Ekholm praktiziert seit 13 Jahren Yoga, seit zehn Jahren unterrichtet sie. Kundalini ist eine spirituelle Form des Yoga, die in der Tradition von Yogi Bhajan steht. Der Inder brachte die Philosophie in den 1960er-Jahren in den Westen. Inka Ekholm legt Wert darauf, dass ihre Praktiken an die indische Tradition anknüpfen und kein neumodischer Hokuspokus sind. "Uns ist die Balance von außen und innen abhanden gekommen" Ich frage sie, warum wir so etwas wie Yoga brauchen, um zur Ruhe zu kommen. "Unser Lebenstempo ist hoch. Und die Welt wird nicht langsamer werden", sagt sie. "Wir brauchen Mechanismen, um uns an diese schnelllebige Zeit anzupassen." Ständig seien wir damit beschäftigt, analytisch zu denken, Aufgaben zu bewältigen, Erwartungen zu erfüllen, uns zu vergleichen. Wir richten uns nach äußeren Ansprüchen aus, nicht nach inneren. "Es fehlt die Balance", sagt Inka Ekholm. "Weil wir nicht mehr in die Entspannung kommen, ist unser Körper überreizt." Yoga und Meditation bewirken, dass wir in Kontakt mit uns selbst kommen, dass wir von der Anspannung in die Entspannung wechseln. Man bekommt eine Idee von seinen Bedürfnissen, sagt Inka Ekholm. Je länger wir uns unterhalten, desto mehr spüre ich, dass es einen Gegenpol geben muss zu der Hektik der Alltagszeit und der Perfektionierung der Lebenszeit. Eigentlich erfahre ich nichts Neues. Ich weiß das alles. Und genau das sagt die Yoga-Philosophie: Du hast alles Wissen in dir. Du weißt, was du willst, wer du bist und was du ändern musst. Vertraue in deine eigenen Kräfte. "Man ist nicht von äußeren Dingen abhängig", sagt Inka Ekholm. Dieses Denken zu verinnerlichen braucht Zeit. Als jemand, der den Hype um Yoga, Qi Gong oder Pilates lange skeptisch verfolgt hat, glaube ich, dass die Körper- und Meditationsübungen ein gutes Rezept sind, um besser mit dieser Welt fertig zu werden. Ob nun meine Nieren davon gereinigt werden, ist ja zweitrangig. "Nehmen Sie diese Erfahrungen und Gedanken mit in den Alltag", gibt Inka Ekholm mir an der Haustür mit auf den Weg. Als sie die Tür schließt, schaue ich gewohnheitsmäßig auf die Uhr. Entgegen meiner Wahrnehmung stand die Welt nicht still. Nun aber los. Ich komme zurück in die Redaktion. Ob ich entspannt sei? Das bin ich. Mal sehen, wie lange noch. Es wartet schon der nächste Arbeitsauftrag. Einatmen.

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