Führungskraft in Elternzeit: Verena Wankerl ist in leitender Funktion im Personalmanagement bei Hettich tätig. Während der Vorstellung der Studie "Frauen im Management in Ostwestfalen-Lippe" in Kirchlengern diskutierte sie über moderne Arbeitsformen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. - © Stefan Boes
Führungskraft in Elternzeit: Verena Wankerl ist in leitender Funktion im Personalmanagement bei Hettich tätig. Während der Vorstellung der Studie "Frauen im Management in Ostwestfalen-Lippe" in Kirchlengern diskutierte sie über moderne Arbeitsformen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. | © Stefan Boes

Bünde / Kirchlengern / Rödinghausen "Kinder und Karriere, das geht." Wie, berichtet Verena Wankerl

Interview zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Frauenkarrieren in Unternehmen in OWL: Eine Studie legt erstmals Zahlen vor. Am Rande der Präsentation sprach Verena Wankerl (38), Führungskraft bei Hettich, mit der NW über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Bringen Frauen Kompetenzen für Führungsaufgaben mit, die Männern fehlen? VERENA WANKERL: Wichtig ist eine gute Ergänzung. Ich denke schon, dass Frauen oft andere Kompetenzen und Perspektiven haben als Männer. Bei Hettich ist es uns wichtig, eine Kompetenzvielfalt zu haben. Daher wollen wir mehr Frauen in Führungsfunktionen bringen. Bei der Präsentation der Studie über Frauenkarrieren in Ostwestfalen-Lippe haben Sie an einer Podiumsdiskussion teilgenommen. Welches waren die Kernfragen des Gesprächs? WANKERL: Was viel diskutiert wurde, war das Thema agile Arbeitsformen. Gemeint sind damit vor allem flexible Arbeitsformen wie zum Beispiel Arbeiten in Teilzeit, Gleitzeit, Homeoffice. Die Diskussion thematisierte insbesondere die Vorteile einer Ergebnis- gegenüber einer Präsenzkultur. Was heißt Ergebniskultur? WANKERL: Erfolge werden nicht daran gemessen, wie stark jemand anwesend ist, sondern welche Ergebnisse jemand erzielt. Erfolge und Leistungen hängen nicht von Anwesenheit ab. Es zählt, was als Ergebnis herauskommt. Die Umsetzung fällt kleineren Unternehmen natürlich leichter, aber wir arbeiten auch intensiv daran. Um die Chancen für Frauen in Führungsfunktionen zu erhöhen, wollen wir die Ergebnisorientierung stärker im Unternehmen verankern. Die stärkere Orientierung an Arbeitsergebnissen statt an Arbeitszeit dient also zum einen dem Unternehmenserfolg und zum anderen der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie? WANKERL: Ja, genau. Es ermöglicht den Frauen, genau wie den Männern natürlich, eine bessere Vereinbarkeit. Wird sich diese Unternehmenskultur durchsetzen? WANKERL: Ich denke schon. Arbeitnehmer werden auch stärker einfordern, flexibel arbeiten zu können. Unternehmen müssen sich ändern, um die besten Mitarbeiter zu gewinnen. Aber so eine Veränderung von Unternehmenskultur braucht eben auch Zeit. Wäre es der Idealzustand, wenn die Hälfte der Führungspositionen von Frauen bekleidet würde? WANKERL: Das ist ein hehres Ziel. Im Gesundheitswesen gibt es einen Frauenanteil von 80 Prozent. Wir bei Hettich haben einen Frauenanteil von 30 Prozent. Das Potenzial zur Gewinnung von Frauen in Führungspositionen ist daher natürlich geringer. Womit wären Sie zufrieden? WANKERL: Ich freue mich über jede zusätzliche Frau in Führungsfunktionen. Grundsätzlich sagt man, dass ein Drittel von Frauen in Führungspositionen zu einem deutlichen Effekt führen würde, um das Potenzial der Frauen zu nutzen, etwa im Hinblick auf die Perspektivenvielfalt. Weibliche Führungskräfte sind keine Einzelkämpfer mehr, wenn die Gruppe wächst. Sie sind aktuell in Elternzeit. WANKERL: Ja. Ich habe im Juni mein zweites Kind bekommen und bin für sechs Monate ganz ausgestiegen. Ab Januar starte ich wieder, zunächst mit 50 Prozent. Normalerweise arbeite ich 80 Prozent. Das zeigt, dass es in unserem Unternehmen möglich ist, eine Führungsfunktion in Teilzeit wahrzunehmen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Worauf kommt es an, um durch die Elternschaft keinen Nachteil in der beruflichen Karriere zu erhalten? WANKERL: Es kommt auf eine gute Reintegration nach der Elternzeit der Frauen an, auch der Männer natürlich. Unsere Analysen zeigen, dass die Reintegration besser funktioniert, wenn die Elternzeit maximal zwölf Monate dauert. Daher habe ich für mich entschieden, dass ich sechs Monate ganz aussteige, dann teilweise wieder einsteige und im Sommer wieder ganz arbeite. Hilfreich ist es auch, während der Elternzeit im Gespräch mit dem Arbeitgeber zu bleiben. Einladungen zu Betriebsversammlungen, Team-Events oder wenige Stunden an Projekten mitzuarbeiten, das ist machbar. "Jeder soll die Chance haben, das passende Lebensmodell zu wählen" Was tut Hettich, um Frauen in Führungsfunktionen zu gewinnen und zu halten? WANKERL: Wir haben ein Entwicklungsprogramm für weibliche Führungsnachwuchskräfte aufgesetzt und unsere heutigen weiblichen Führungskräfte dabei unterstützt, die besonderen Herausforderungen ihrer Rolle zu reflektieren und zu meistern. Ein weiterer Baustein ist die bessere Reintegration nach der Elternzeit. Dazu haben wir ein Drei-Phasen-Modell entwickelt, dessen wesentliche Zielsetzung es ist, dass sich Führungskraft und Mitarbeiter frühzeitig über gegenseitige Erwartungen austauschen. Wie vereinbaren Sie Familie und Beruf? WANKERL: Das ist eine große Herausforderung, wenn der Mann auch vollzeitbeschäftigt ist. Wir haben uns für die Betreuungsmöglichkeit mit einer Kinderfrau entschieden, die bei uns im Haus arbeitet. Mir ist bewusst, dass sich das nicht jeder leisten kann, aber uns ermöglicht es zum Glück eine große Flexibilität. Auch viele Männer wollen mehr Zeit mit der Familie verbringen. WANKERL: Dass Männer häufiger Elternzeit fordern, ist für viele Arbeitgeber erst einmal eine Herausforderung. Letztlich aber hilft es den Frauen, damit ein Gleichgewicht entsteht. Das ist natürlich so ein Punkt, wenn Frauen Ende 20 bei der Besetzung von Führungsfunktionen nicht berücksichtigt werden, weil man denkt, die bekommt bald Kinder. Wenn auch die Männer Elternzeit nehmen, dann gleicht sich das mehr aus. Dann hängt das nicht mehr nur an Frauen, sondern generell an jungen Mitarbeitern. Sie haben es geschafft, Elternschaft und Beruf in Einklang zu bringen. Raten Sie anderen Frauen dazu, diesen Weg auch zu gehen? WANKERL: Ja. Beruf und Karriere kann man vereinbaren. Aber es ist wichtig, dass man jedes Modell zulässt. Ich habe auch viele Freundinnen, die sich entschieden haben, keine Karriere zu machen und sich auf die Familie zu fokussieren. Das ist ein Modell, das genauso akzeptiert werden sollte. Das ist oft ein Streit zwischen Frauen, da kann es keiner der anderen Seite recht machen. Aber ich denke, es ist eben machbar. Da bin ich auch gerne ein Beispiel und versuche, die anderen Führungsfrauen in unserem Unternehmen nach vorne zu bringen, um zu zeigen, es geht. Ist die traditionelle Familienform Ihrer Meinung nach überholt? WANKERL: Es muss für jedes Lebensmodell Akzeptanz geben. Und jeder sollte die Chance haben, das zu wählen, was ihm oder ihr als das Richtige erscheint. Ich persönlich habe zu viel Spaß an der Arbeit. Mir würde ohne Arbeit etwas fehlen. Man kann nicht unbedingt sagen, das Modell ist überholt. Aber es ist klar, dass wir mehr Frauen angesichts des Fachkräftemangels in die Berufstätigkeit bringen müssen. Worauf kommt es letztlich an, damit die Vereinbarkeit funktioniert: auf die Angebote des Arbeitgebers oder vielmehr auf die Arbeitsteilung in der Paarbeziehung in Haushalt und Familie? WANKERL: Sowohl als auch. Natürlich ist da ein Arbeitgeber, der Teilzeitarbeit ermöglicht, ein wichtiger Faktor. Es kommt auch darauf an, wie man die Betreuung und die Haushaltsführung organisiert. Wichtig ist, dass der Lebenspartner die Entscheidung der Frau mitträgt. Das sind die drei wesentlichen Aspekte denke ich. Und viertens die eigene Belastbarkeit? WANKERL: Man braucht viel Disziplin und muss immer wieder Nein sagen, weil man nicht alles schaffen kann. Man stößt immer wieder an Grenzen und muss daher manchmal auch "Fünfe gerade sein lassen". Am ehesten leidet dann die Arbeit im Haushalt darunter. Das Gespräch führte Stefan Boes.

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