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Wenn bei einem Kind die linke Hand dominiert, soll das niemand ändern, um dem Kind nicht zu schaden. FOTO: DPA
Wenn bei einem Kind die linke Hand dominiert, soll das niemand ändern, um dem Kind nicht zu schaden. FOTO: DPA

Bünde Das "gute Händchen" gibt´s nicht mehr

Heute ist Weltlinkshändertag: Die NW sprach mit Experten, ob zur rechten Hand umerzogen werden soll

13.08.2014 , 06:54 Uhr

Bünde. Es ist noch gar nicht so lange her, da nahmen Grundschullehrer ihren Schülern Stift oder Pinsel aus der linken Hand und legten sie in die rechte - frei nach dem Grundsatz: "Wir schreiben und malen immer nur mit dem guten Händchen." Aber hat es ein "schlechtes Händchen" jemals gegeben? Auch heute versuchen noch viele Eltern, ihre Zwei- und Dreijährigen umzuerziehen - "und programmieren mitunter schwerwiegende Folgen beim Kind", sagt Schulrätin Ursula Niemeier.

Aus eigener Erfahrung spricht Bettina Wolff, Rektorin der Grundschule Bustedt und selbst eine "Umerzogene". 1976 eingeschult unterstützten auch ihre Eltern den Willen der Lehrer, um Bettina Wolff die dominante linke Hand abzugewöhnen. "Das hängt mir bis heute noch nach", sagt Bettina Wolff und ist froh, dass ihr Navigationsgerät im Auto bei der Ansage "rechts" oder "links" immer auch gleich einen Pfeil anzeigt, in welche Richtung es geht. "Ohne den Pfeil hätte ich manchmal meine Probleme. Genauso ist es beim Aufschließen einer Tür. Wenn ich mir nicht jedes mal vorher sage, dass ich den Schlüssel vom Türrahmen wegdrehen muss, würde ich ihn erst falsch herum drehen."

Ob man Kindern aber heute noch die "schlechte" linke Hand abgewöhnen soll, "darüber gibt es überhaupt keine Diskussion mehr", so Bettina Wolff. Eine Umerziehung kann dem Kind großen Schaden zufügen - "unter Umständen sogar eine Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) hervorrufen", sagt auch Schulrätin Ursula Niemeier.

Für die Pädagogen in Grundschulen oder auch schon davor in der Kita gibt es laut Niemeier keine Rechtsvorschrift, die ihnen eine Umerziehung von links auf rechts bei den Kindern verbietet. "Aber sie wissen heute alle, dass es dem Kind schaden kann."

"Die Händigkeit", so Ursula Niemeier, "ist ein Spiegelbild des Gehirns, das sich die Kinder erst antrainieren müssen. Das heißt, sie müssen lernen, welche ihrer beiden Hände die Dominanz übernehmen soll. Testen kann man das bei Kindern ganz einfach, indem man ihnen einen kleinen Ball zuwirft. Die Hand, die zuerst nach vorn geht, ist die dominantere." Das bedeute aber nicht, dass dies in den ersten Lebensjahren auch so bleibe. "Bei einigen Kindern wechselt die Dominanz noch bis etwa zur Einschulung."

Das Festlegen der dominanten Hand im Gehirn sei laut der Schulrätin enorm wichtig für das Kind, weil es sich damit spezialisiere. Wird ein echtes Linkshänderkind aber dazu gebracht, mit rechts zu schreiben und zu malen, kann diese Spezialisierung nicht stattfinden. Schulleiterin Bettina Wolff sagt dazu: "Es kommt dabei zu einem Missklang zwischen beiden Gehirnhälften." Das führt dazu, dass sich das Linkshänderkind bei Tätigkeiten, die es antrainiert mit der rechten Hand ausüben soll, wesentlich mehr anstrengen muss als Kinder die Rechtshänder sind. Die Folge ist nicht zuletzt ein schnelleres Ermüden. Auch motorische Probleme, beispielsweise im Gleichgewichtssinn, können auftreten, sagen Kindermediziner dazu.

Kinderpsychologen sprechen bei einer Umerziehung der Händigkeit sogar von einem der "massivsten unblutigen Eingriffe ins Gehirn". "Wir fragen deshalb schon vor der Einschulung die Händigkeit der Kinder ab, die aus den Kitas zu uns kommen", sagt Bettina Wolff. "So können wir von vornherein planen, wer an einem Tisch rechts oder links sitzt. Denn wenn ein Linkshänder rechts sitzt, kann er mit seinem linken Arm dem Rechtshänder in die Quere kommen." Zudem könne darauf geachtet werden, dass die Kinder so sitzen, dass sie sich mit dem linken Arm oder der linken Hand nicht das Licht nehmen und einen Schatten auf ihren Arbeitsbereich werfen. "Fakt ist, dass das Kind selbst entscheidet, welche Hand es benutzen will", sagt Bettina Wolff.

Neurologen sagen in dem Zusammenhang, dass ein Linkshänder auch nach einer Umerziehung nicht zum Rechtshänder werde. Die Steuerung des Bewegungsapparates wird dabei nur von anderen Hirnarealen übernommen. Etwa 10 bis 15 Prozent der Menschen sind Linkshänder. Bis heute ist unklar, ob die Linkshändigkeit angeboren ist.

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