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Erst als Rolf Neumann das Grab seiner Mutter in Werther besuchte, erfuhr er anhand der Aufschrift auf dem Grabstein, dass sein Halbbruder Frank Bohle, zu dem er den Kontakt wieder aufnehmen wollte, schon vor mehr als zehn Jahren verstorben ist. Dorothea Wenzel hatte für dessen Beerdigung, an der 80 Menschen 2011 teilnahmen, durch eine Spendenaktion gesorgt.
 - © Birgit Nolte
Erst als Rolf Neumann das Grab seiner Mutter in Werther besuchte, erfuhr er anhand der Aufschrift auf dem Grabstein, dass sein Halbbruder Frank Bohle, zu dem er den Kontakt wieder aufnehmen wollte, schon vor mehr als zehn Jahren verstorben ist. Dorothea Wenzel hatte für dessen Beerdigung, an der 80 Menschen 2011 teilnahmen, durch eine Spendenaktion gesorgt.
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Kreis Gütersloh Bewegende Geschichte: Am Grab der Mutter vom Tod des Bruders erfahren

Weil Dorothea Wenzel eine Spendenaktion startete, konnte Frank Bohle 2011 in Werther auf dem Friedhof beerdigt werden. Sein Halbbruder sucht nach Erinnerungen und Angehörigen. Er hofft, dass Leser ihm dabei helfen können.

Birgit Nolte
09.04.2022 , 18:00 Uhr

Werther. Es war – gelinde gesagt – ein Schock, als Rolf Neumann im vergangenen September vor dem Grab seiner Mutter stand. Den Gang auf den Wertheraner Friedhof wollte der 66-Jährige, der seit Jahrzehnten in einer Einrichtung des Wittekindshofes für behinderte Menschen in Bad Oeynhausen lebt, mit dem Versuch verbinden, seinen Halbbruder wiederzusehen.

„Ich war sehr unglücklich darüber, dass ich so lange nichts mehr von ihm gehört hatte", berichtet Rolf Neumann, „und wollte nach dem Besuch auf dem Friedhof versuchen, ihn in Werther zu finden." Doch Rolf Neumann kam zu spät. Über zehn Jahre zu spät. Denn erst durch die Inschrift auf dem Gedenkstein erfuhr er, dass sein Halbbruder Frank Bohle schon seit 2011 neben der Mutter begraben liegt.

Verletzungen nach einem Brand sind zu schwer

Frank Bohle werden viele Menschen aus Werther noch kennen. Die Bushaltestelle an der Ravensberger Straße war quasi der Lieblingsplatz des mittellosen Mannes. „Er war immer freundlich zu jedermann", weiß Dorothea Wenzel noch ganz genau. Um ihn finanziell ein bisschen zu unterstützen, gab die Galeristin ihm oft kleine Aufgaben, wie die Straße vor ihrem damaligen Geschäft zu fegen.

„Mir war wichtig, dass er das nicht wie ein Almosen auffasst, sondern für das Geld etwas leistete. Das hat was mit Würde zu tun", so Dorothea Wenzel, die geschockt war, als die Nachricht sie erreichte, dass Frank Bohle verstorben war. Nach einem Brand in seinem Zimmer im städtischen Wohnheim im Werther musste er in einer Spezialklinik in Bochum behandelt werden, wo er im Dezember 2011 seinen Verletzungen erlag.

"Die Hilfsbereitschaft war überwältigend"

Den Tod seiner Mutter hat Frank Bohle nie verwunden. 2011 wurde der Wertheraner, dessen "Residenz" die Bushaltestelle an der Ravensberger Straße war, an ihrer Seite bestattet. - © Birgit Nolte
Den Tod seiner Mutter hat Frank Bohle nie verwunden. 2011 wurde der Wertheraner, dessen "Residenz" die Bushaltestelle an der Ravensberger Straße war, an ihrer Seite bestattet. | © Birgit Nolte

Der Gedanke, dass Frank, wie ihn alle nannten, seine letzte Ruhe in einem anonymen Gräberfeld in Bochum bekommen sollte, war Dorothea Wenzel unerträglich. Sie organisierte kurzentschlossen eine Spendenaktion, damit Bohle, der nur 46 Jahre alt wurde, in Werther neben seiner Mutter beerdigt werden konnte.

„Die Hilfsbereitschaft war überwältigend", erinnert sich Dorothea Wenzel noch ganz genau. Das Bestattungsunternehmen Hollmann spendete die Urne, die Gaststätte Obermann die Suppe bei der Trauerfeier, Blumen Langer den Blumenschmuck, Schreibwaren Ellerbrock druckte kostenlos die Einladungskarten für die Trauerfeier, und die Kirchengemeinde stellte die Kapelle zur Verfügung. Gut 80 Menschen kamen zur Trauerfeier für Frank Bohle im Dezember 2011 zusammen. „Es war wie ein Staatsbegräbnis", blickt Dorothea Wenzel zurück . „Alles, was Rang und Namen hatte, war da."

Von den Geldspenden in Höhe von rund 5.400 Euro wurden die Überführung und die Beerdigung bezahlt. Und 30 Jahre Grabpflege. All das lief über den Namen von Dorothea Wenzel. Denn nur so konnte Rolf Neumann die Wertheraner Künstlerin überhaupt aufspüren. „Uns war gleich aufgefallen, wie gut das Grab gepflegt ist, und wir haben bei der Friedhofsverwaltung nachgefragt", berichtet Ulrike Kröger, Rolf Neumanns Betreuerin auf dem Wittekindshof. Die Adresse von Dorothea Wenzel wollte die Friedhofsverwaltung aus Datenschutzgründen nicht herausgeben, aber die Mitarbeiter versprachen, einen Brief an sie weiterzuleiten.

Wer hat Fotos oder Erinnerungen?

Dorothea Wenzel antwortete umgehend. Sie schrieb alle Erinnerungen an Frank Bohle auf und schickte sie zum Halbbruder. „Er hat diesen Brief tagelang mit sich herumgetragen und so ziemlich jedem Menschen auf dem Wittekindshof gezeigt", ist Karin Poad immer noch gerührt. Karin Poad leitet auf dem Wittekindshof die Schreibgruppe „Wortkünstler", die Rolf Neumann regelmäßig besucht. Hier beschäftigen sich die Teilnehmenden auch mit ihrer Familiengeschichte.

„Das war überhaupt der Anlass, das Grab der Mutter in Werther zu besuchen. Und es ist herausgekommen, dass Rolf keinerlei Verbindungen mit Angehörigen hat. Er hat noch nicht mal ein Foto von seiner Mutter Erna Bohle, die bis zu ihrem Tod 1995 an der Ziegelstraße lebte", so Karin Poad.

Rolf Neumann hofft, dass sich auf diesen Zeitungsartikel hin Menschen melden, die vielleicht alte Fotos und Erinnerungen mit ihm teilen wollen. „Eine Schwester unserer Mutter lebte in Halle", sagt Rolf Neumann. Karin Poad zerstreut sicherheitshalber Befürchtungen, dass es um finanzielle Unterstützung für Rolf Neumann gehen würde: „Er hat sein ganzes Leben gearbeitet und ist gut versorgt."

Wer zu den Angehörigen oder alten Freunden von Frank Bohle und Rolf Neumann gehört oder weiß, wie man sie erreichen und einen Kontakt herstellen kann, ist herzlich eingeladen, sich bei Karin Poad unter (01 60) 5 57 17 39 zu melden. „Rolf hat übrigens dieselbe Angewohnheit wie sein Halbbruder. Auch er sitzt gerne an unserer Bushaltestelle am Wittekindshof", berichtet Karin Poad mit einem Lächeln.

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