Stätte des Familiendramas: In diesem Einfamilienhaus an der Theenhausener Straße lebte das Ehepaar. - © Marc Uthmann
Stätte des Familiendramas: In diesem Einfamilienhaus an der Theenhausener Straße lebte das Ehepaar. | © Marc Uthmann

Werther/Bielefeld „Er hat alles getan für seine Eltern“ - Hintergründe zur Bluttat in Werther

Claus Meyer
11.07.2019 | Stand 11.07.2019, 12:14 Uhr |
Marc Uthmann

Werther-Theenhausen. Theenhausen ist ein beschauliches Fleckchen Erde. Größter Aufreger ist bis Mittwochmittag die Großbaustelle, die Anwohnern Geduld abverlangt und Autofahrern Umwege. Am Nachmittag erschüttert dann eine Bluttat den Ort, deren Hintergründe noch nicht aufgeklärt sind. Rot-Weißes Flatterband kündet vom Verbrechen. "Polizeiabsperrung" steht in schwarzen Lettern drauf. Ein Rennradfahrer in orangefarbenem Trikot fragt: „Can I go this Way?" Darf er nicht – und kehrt um. Die Polizei muss an der Theenhausener Straße eine Bluttat aufklären. In unmittelbarer Nähe zur niedersächsische Grenze hat ein 55-jähriger dreifacher Familienvater seine betagten Eltern getötet und dann sich selbst. Davon gehen Staatsanwaltschaft und Polizei aus. „Er hat alles getan für seine Eltern" Das Drama stört die Ruhe im Ort kaum. Gaffer gibt es nicht. Zwei Schülerinnen sitzen an der nahen Bushaltestelle, eine Frau in der Nachbarschaft hängt Wäsche auf dem Balkon auf. Kinder spielen. Ein Grünenplakat ist von der Europawahl geblieben: "Eine mutige Gesellschaft lässt sich keine Angst machen". Wer waren die Toten? Nachbarn zeichnen ein Bild vom betagten Ehepaar. „Das waren nette, fröhliche Leute. Der Mann hatte oft einen flotten Spruch auf den Lippen", sagt eine Nachbarin. Im Alter seien sie etwas sonderbar geworden, nichts Ungewöhnliches. Der Mann hatte am Freitag seinen 93. Geburtstag, seine Frau war sechs Jahre jünger. Der Sohn sei oft vorbeigekommen. „Er hat alles getan für seine Eltern", betont die Frau. Streit sei nicht ausgeblieben. Manchmal sei der Vater – gelernter Tischler, der später bei der Post gearbeitet hat – aufbrausend gewesen. Die Beziehung zum Sohn, selbst Vater dreier Töchter, war für die beiden Senioren zuletzt wohl immer wichtiger geworden. „Er kam mindestens jeden zweiten Tag", berichtet eine weitere Nachbarin. Ohne den 55-Jährigen als Stütze sei es für die Alten mitunter „ganz schlimm" gewesen. Noch am Morgen ihres gewaltsamen Todes habe sie mit der 87-jährigen Frau telefoniert, berichtet die Nachbarin weiter. Obwohl der Arzt am Abend zuvor da gewesen sei, „hatte sie immer noch schlimme Rückenschmerzen". Die Seniorin erwartete nun den Besuch ihres Sohnes. Eltern wollten nicht ins Pflegeheim Als der am Vormittag eintraf, muss es wohl erneut zum Streit gekommen sein. Schon häufiger habe es Auseinandersetzungen um die Gartenarbeit gegeben, die der Sohn für die Eltern erledigte, heißt es aus dem Umfeld. Sie könnte auch diesmal der Auslöser für einen eskalierenden Konflikt gewesen sein. Die Menschen in Theenhausen haben in der seltsamen Stille des Ortes zum Teil gar nichts von einem Verbrechen mitbekommen. Als sie erfahren, was sich abgespielt haben könnte, halten sie entsetzt die Hand vor den Mund. Eine Nachbarin erinnert sich daran, was der Senior mit zunehmendem Alter immer häufiger betont habe: dass er nicht in ein Pflegeheim gehen wolle. „Aus dem Haus müssten sie ihn raustragen, hat er immer gesagt", berichtet die Frau, und ihr kommen die Tränen, als sie sagt: „Jetzt ist es wirklich passiert."

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