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Hedwig Grehl hat schon als Kind ein Faible für Geografie gehabt. Der Atlas ist ein treuer Begleiter gewesen, vor allem aber die Postkarten bringen die Welt ein Stückchen näher. - © Karin Prignitz
Hedwig Grehl hat schon als Kind ein Faible für Geografie gehabt. Der Atlas ist ein treuer Begleiter gewesen, vor allem aber die Postkarten bringen die Welt ein Stückchen näher. | © Karin Prignitz

Verl Warum diese 90-jährige Verlerin regelmäßig Post aus aller Welt bekommt

Hedwig Grehl sammelt Karten aus aller Welt. Sie verschwinden weder in Kisten noch werden sie entsorgt, sondern es gibt einen besonderen Platz für die Grüße.

Karin Prignitz
27.12.2021 , 13:30 Uhr

Verl. Der große schwere Atlas liegt immer griffbereit. „Geografie ist mein Steckenpferd“, sagt Hedwig Grehl. „Schon als Schulkind bin ich ständig mit dem Finger auf der Landkarte entlanggefahren und habe mir die Orte ausgeguckt, die ich einmal bereisen will.“ Die meisten hat sie zwar nicht persönlich besucht, aber sie hat unzählige Postkarten aus der ganzen Welt bekommen. Die haben in der Wohnung der agilen Seniorin einen ganz besonderen Platz bekommen.

Das Gros der vielen Postkarten, es müssen Hunderte sein, stammen von den vier Kindern und neun Enkeln, aber auch von Freunden. Vor fünf Jahren hat Hedwig Grehl einen großen Kartenständer vom Schwiegersohn geschenkt bekommen. Mittlerweile ist sie 90 Jahre alt und im Kartenständer sind längst alle Fächer belegt. „Da muss ich demnächst wohl mal die älteren Karten aussortieren“, überlegt Hedwig Grehl. Aber schade wäre es schon.

Viele Franzosen übernachteten im Hause Grehl

Ihre Leidenschaft, andere Länder und Menschen kennenzulernen, hat die gebürtige Schlesierin durch die guten Beziehungen zum Droste-Haus ausleben können. Jahrzehntelang haben Hedwig Grehl und ihr vor acht Jahren verstorbener Mann Paul ihre Kontakte zur Familien- und Jugendbildungsstätte gepflegt. „Das ist ein fester Bestandteil im Leben gewesen“, betont Hedwig Grehl. Viele Gäste aus Frankreich übernachteten im Hause Grehl in der Sürenheide, umgekehrt gab es im Sinne der Völkerverständigung etliche Gegenbesuche im größten Land der Europäischen Union. „Frankreich, das war immer herrlich“, erinnert sich die 90-Jährige, „da sind wir bedient und bekocht worden, ach Gott, ach Gott.“

Tschechische Gäste hat Familie Grehl ebenfalls beherbergt, außerdem Gäste aus der Schweiz und aus Russland. „Wenn Hugo Wöstemeyer nicht wusste, wo er die Leute unterbringen sollte, dann hat er sich bei uns gemeldet“, erzählt Hedwig Grehl von den Anrufen des Gründers des Jugendaustauschwerkes. Er wusste, dass Grehls zuverlässige Gastgeber waren. „Die letzten Gäste haben wir vor 20 Jahren gehabt“, erinnert sich die Seniorin noch genau, denn es war das Jahr, als in den USA islamische Terroristen in das World Trade Center flogen. Bei den Sommerfesten im Droste-Haus mit vielen internationalen Gästen sind sie und ihr Mann auch danach immer dabei gewesen, „das war immer das Schönste“, sagt sie rückblickend.

Hedwig Grehl ist in Heinzendorf (polnisch Jasienica) in der ehemaligen Grafschaft Glatz aufgewachsen. Die Eltern betrieben dort eine Fleischerei und eine Gastwirtschaft. 1946 wurde die Familie vertrieben, landete in der Gemeinde Groß Flöthe nahe Wolfenbüttel, musste Feldarbeit leisten. „Wir haben mit sieben Personen in einem Zimmer gelebt, das war nicht einfach“, beschreibt Hedwig Grehl die schwierigen Bedingungen in der Nachkriegszeit. Noch heute hat sie die Worte des Hauswirtes im Ohr: „Ein Vertriebener hat nicht mehr zu beanspruchen als einen Strohsack und ein Dach über dem Kopf.“ Die patente Seniorin weiß deshalb nur allzu gut, wie wichtig es ist, freundlich und offen aufgenommen zu werden.

1955 gründete die Jubilarin ihre eigene Familie. Mit ihrem Mann lebte sie zunächst im Münsterland und dann in Verl. „Den Kiefernwald auf dem Bauplatz in Sürenheide habe ich zusammen mit meinem Mann eigenhändig gerodet“, erzählt Hedwig Grehl von den anstrengenden Vorarbeiten. Die beiden ältesten Töchter Monika und Renate waren da bereits geboren, Barbara und Ulrike kamen 1961 und 1962 hinzu.

Die am weitesten gereiste Karte stammt aus Ghana

Wann immer einer der Töchter und später die Enkel eine Reise taten, gehörte das Schreiben einer Postkarte an die Mutter und Oma dazu. „Eine meiner Enkelinnen war für ein Jahr in Ghana“, berichtet Hedwig Grehl. Die Postkarte von dort ist die am weitesten gereiste. Meist sind Motive aus den Städten oder Ländern auf den Karten abgebildet.

„Als mein Schwiegersohn mit dem Kartengestell ankam, habe ich ihn gefragt, ob ich darauf wohl meine Wäsche aufhängen soll“, scherzt Hedwig Grehl. Stattdessen sollte der Ständer dazu dienen, die Welt in Kartenform zu ihr zu bringen. Tatsächlich lassen die Postkarten Hedwig Grehl immer wieder in Erinnerungen schwelgen. Seit fünf Jahren lebt sie in einer Wohnung in Verl m Caritas-Wohnheim neben dem St.-Anna-Haus. Von dort aus schreibt sie nach wie vor kleine Berichte für die Monatszeitung „Grafschafter Boten“ und freut sich immer, wenn wieder eine Postkarte im Briefkasten liegt.

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