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Mohammad Nassim Eman Nazarkam 2015 ohne Deutschkenntnisse nach Verl. - © Alexandra Wittke
Mohammad Nassim Eman Nazarkam 2015 ohne Deutschkenntnisse nach Verl. | © Alexandra Wittke

Verl „Er ist ein Glücksfall“: Flüchtling absolviert Ausbildung mit Auszeichnung

Der afghanische Flüchtling Mohammad Nasim Eman Nazar hat eine Lehre mit Auszeichnung absolviert. Für seinen Chef ist er unverzichtbar. In Deutschland aber nur geduldet.

Alexandra Wittke
10.09.2019 | Stand 12.09.2019, 16:05 Uhr

Verl. Mohammad Nassim Eman Nazars Lebenslauf glich in den vergangenen Jahren eher einem Zickzack-Kurs. 2009 aus Afghanistan geflüchtet, verbringt der heute 31-Jährige zunächst mehrere Jahre in Dubai, dem Iran und der Türkei, bis er schließlich 2015 im Zuge der großen Flüchtlingswelle nach Deutschland kommt. Einzige Konstante in dieser Zeit: seine Leidenschaft für Farbe. Und die hat sich nun ausgezahlt.

Nazars Zuweisung von der Erstaufnahme in Passau nach Verl entpuppt sich für den Afghanen schnell als Glücksfall. Elke Bole, ehrenamtliche Flüchtlingshelferin und gleichzeitig engagierte Vermittlerin, besorgt ihm einen befristeten Arbeitsplatz in einer Sürenheider Lackiererei. Nassim, wie ihn alle nennen, spricht zu diesem Zeitpunkt kaum Deutsch, kann aber durch seine Leistungen überzeugen. Schnell ist klar, es muss ein Ausbildungsplatz her. Als Christoph Gievers vom gleichnamigen Malergeschäft in Verl angesprochen wird, ist der zunächst skeptisch.

Wie soll das mit der Verständigung klappen?

„Wie soll das mit der Verständigung klappen", fragt sich der Juniorchef angesichts der mangelnden Deutschkenntnisse. „Am ersten Tag haben wir uns zwar mit Händen und Füßen verständigt. Nassim hat aber trotzdem schnell verstanden, was ich von ihm wollte". Dem Afghanen hilft dabei, dass er bereits in Dubai Luxuskarossen lackiert hat und so Kenntnisse im Umgang mit Farben vorweisen kann. Zunächst arbeitet er einige Monate als Helfer in der Firma, bevor er schließlich im Oktober 2016 seine Ausbildung zum Maler und Lackierer beginnt.

Auch hier stehen allerdings zunächst die sprachlichen Barrieren im Vordergrund. „Seine Lehrerin war sehr skeptisch. Ich habe ihr aber erklärt, sie solle Nassim mal machen lassen, das schafft er schon", schmunzelt Gievers heute noch ob der vielen Telefonate.

"Das ist aber alles Unsinn"

Und er behält Recht. Nazar, der ganz besonders gerne Fassadenarbeiten erledigt, gehört bereits im zweiten Lehrjahr zu den Besten seiner Klasse. Und auch in seinem Ausbildungsbetrieb entpuppt sich Nazar als unverzichtbar. „Ich kann ihn überall hinschicken und weiß, dass er mit den Kunden zurecht kommt", bestätigt Gievers. Angesichts des Fachkräftemangels sei es generell schwierig, geeignetes Personal zu finden, Nazar sei daher für ihn „ein echter Glücksfall". Natürlich wisse er um die Vorurteile, die den Flüchtlingen entgegen gebracht werden. „Das ist aber alles Unsinn."

Im Juni dieses Jahres schließt Nazar schließlich seine Ausbildung mit der Gesamtnote „Gut" ab. Zudem wird der engagierte Flüchtling von der Sto-Stiftung als einer von 100 Besten des Ausbildungslehrgangs ausgezeichnet. Eine Leistung, auf der Nazar zukünftig mit dem Meistertitel aufbauen möchte. Zunächst gilt es jedoch, den Status „anerkannter Flüchtling" zu erreichen. Während seine Frau und die zwei gemeinsamen Kinder bereits ein Bleiberecht erhalten haben, wird Nazar aktuell nur geduldet.

Allen Vorurteilen zum Trotz

Ende September muss er daher eine weitere Prüfung bestehen, die ihm Deutschkenntnisse auf dem Level B1 bestätigt. Ein Unding, wie sein Chef findet. „Mit dem Bestehen der Prüfung hat Nassim bereits einen dem Hauptschulabschluss vergleichbaren Abschluss erreicht. Seine Sprachkenntnisse gehen damit über das geforderte Maß hinaus". Die Bürokratie sei generell ein Hindernis, findet Gievers, der aktuell noch zwei weitere Flüchtlinge beschäftigt. Aber, da ist sich der Verler sicher, „die Mühen haben sich gelohnt, allen Vorurteilen zum Trotz."

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