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Nachfahre: Karl Schenk Graf von Stauffenberg (l.) ist der Einladung von Ulrich Klotz in das Deutsche Haus gefolgt. - © Karin Prignitz
Nachfahre: Karl Schenk Graf von Stauffenberg (l.) ist der Einladung von Ulrich Klotz in das Deutsche Haus gefolgt. | © Karin Prignitz

Verl Von Stauffenbergs Enkel ruft in Verl zur Verteidigung der Demokratie auf

Erinnerungskultur: Der Enkel des Hitler-Attentäters spricht über die Bürde seines Namens und die Pflicht jedes einzelnen Menschen, die Freiheit zu verteidigen

Karin Prignitz
14.07.2019 | Stand 14.07.2019, 13:53 Uhr

Verl. Am 20. Juli 1944, also vor fast 75 Jahren, verübt Claus Schenk Graf von Stauffenberg ein Attentat auf Adolf Hitler und seine engsten Berater, um den Krieg zu beenden. Doch der Staatsstreich misslingt. Stauffenberg wird standrechtlich erschossen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird er posthum mit zahlreichen Ehrungen bedacht. Sein Enkel ist jetzt auf Einladung der FDP zu Gast in Verl gewesen. Thema ist die Erinnerungskultur. Der Name ist eine Bürde Ein Leben mit diesem Nachnamen zu führen, für den er nichts könne, das sei nicht einfach, erzählt Karl Schenk Graf von Stauffenberg während der offenen Fraktionssitzung im Deutschen Haus von der Bürde, die ihn begleitet. „In direkter Linie mit einem der berühmtesten Deutschen verwandt zu sein, da wird man mit anderen Augen gesehen." Die einen begegnen dem Namensträger mit Ehrfurcht, andere mit Skepsis. Der 49-Jährige erzählt von Geschichtslehrern, die ihn immer wieder aufforderten, ein Referat zum 20. Juli 1944 zu verfassen. In der Hoffnung, dass Familieninterna preisgegeben würden. Von Stauffenberg weigerte sich standhaft und kassierte schlechte Noten. „Stauffenberg zu heißen ist kein Privileg, sondern vielmehr eine Verpflichtung". Dieser Satz seines Urgroßvaters begleite die Familie seit Jahrzehnten, erzählt Karl Schenk Graf von Stauffenberg. Er sieht nicht nur bei sich, sondern bei allen Menschen eine ganz andere Pflicht. „Erste Bürgerpflicht ist es, unsere Freiheit und Demokratie zu verteidigen", betont von Stauffenberg an diesem Abend immer wieder. Der Eventmanager und Netzwerker verweist auf eine sich stark verändernde politische Kultur in Deutschland und ganz Europa. Warnung vor rechtem und linkem Populismus Die Reaktionen auf die Flüchtlingswelle im Jahr 2015 hätten dazu beigetragen. „Aber wer ist denn unmittelbar betroffen, muss deshalb um seinen Job oder den christlichen Glauben fürchten", fragt von Stauffenberg provokativ in die kleine Runde der Zuhörerinnen und Zuhörer. „Ich habe das jedenfalls noch nicht mitbekommen." Dennoch sei rechter und linker Populismus salonfähig geworden. Umso wichtiger sei Zivilcourage und die fange bei jedem Einzelnen an. „Wir sind ein freies Land und wollen es auch bleiben", betont von Stauffenberg. Dass rechtspopulistische Parteien wie die AfD versuchten, seinen Großvater und seine Tat für sich zu vereinnahmen, „finde ich abartig", schimpft der gebürtige Oberbayer. Sicherheit ohne Freiheit werde nicht funktionieren. Totalitäre Machthaber aus der Welt zu schaffen, das sei die Motivation seines Großvaters gewesen. Sicherlich sei der kein Demokrat im heutigen Sinne gewesen, aber auch kein Nazi, wie manche ihm nachsagten. „Das ist de facto nicht wahr." Es sei wichtig, die Geschichte zu begreifen und sie in ihrer Zeit zu lassen. „Sie aus unserem Verständnis nach mehr als 70 Jahren Demokratie zu bewerten, halte ich für falsch." Sein Großvater sei für ihn kein Held, stellt von Stauffenberg klar. „Aber er hatte die Courage, durch seinen missglückten Tyrannenmord einen Krieg zu beenden und damit Millionen Menschen zu retten." Heute hätten viele aus dem Blick verloren, dass das Leben in Freiheit und Selbstbestimmtheit nicht selbstverständlich sei. „Wir haben nicht nur das Recht auf Freiheit, sondern auch die Pflicht, sie zu verteidigen." Karl Schenk Graf von Stauffenberg hat vor drei Jahren den Verein „Mittendrin statt extrem daneben" gegründet. Ziel des Vereins sei es, „Jugendliche und junge Erwachsene vor den Gefahren durch politischen und ideologischen Extremismus zu warnen sowie Rechtsstaat und Demokratie zu feiern". FDP-Fraktionsvorsitzender Ulrich Klotz hatte bereits zu Beginn der Veranstaltung daran erinnert, dass der Verler Heimatverein auf Initiative seiner Partei seit dem Jahr 2017 an dem Projekt „Zeitzeugen" arbeitet. Hier werden die Erzählungen aus der Zeit der Nationalsozialistischen Diktatur der noch lebenden Verler Zeitzeugen dokumentiert.

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