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In den Anfängen: Munna Shah, noch mit dunklen Haaren und Vollbart, steht im Laden hinter dem Verkaufstresen und neben der Kasse. Foto: privat - © Karin Prignitz
In den Anfängen: Munna Shah, noch mit dunklen Haaren und Vollbart, steht im Laden hinter dem Verkaufstresen und neben der Kasse. Foto: privat | © Karin Prignitz

Verl Im Reformhaus in Verl gab es früher eine Kunstgalerie

Beim Angebot haben sich die Inhaber stets nach den Kundenwünschen gerichtet

Karin Prignitz
20.01.2018 | Stand 19.01.2018, 18:11 Uhr

Gesund und umweltbewusst zu leben, sich vollwertig zu ernähren und auf die Heilkräfte der Natur zu bauen: Für Munna und Barbara Shah ist nie etwas anderes in Frage gekommen. Der Gang ins Reformhaus war selbstverständlich. „Wir selbst waren dort schon immer Kunden", bestätigt Barbara Shah. Weil ein solches Geschäft von Verl aus aber frühestens in Gütersloh oder Bielefeld zu erreichen war, fasste das Paar den Entschluss, selbst eines zu gründen. Am 1. November 1989 wurde das Reformhaus Shah an der Wilhelmstraße eröffnet. Und mit ihm eine kleine Kunstgalerie. Wer die Wendeltreppe in den unteren Ladenbereich hinunterging, der fand dort Bilder, unter anderem von den Verlerinnen Marlies Pollmeier, Helga Mertens und Beate Ewers, aber auch von Barbara Shah selbst. Ich hatte 18 Künstler beschäftigt „Die erste Selbstständigkeit war eine kleine Kunstgalerie in unserem Privathaus", erzählt Munna Shah, der 1991 den Kunstverlag „Artsend" gründete und deutschlandweit Grafiken veräußerte. „Mein Schwerpunkt war die Kunst. Ich hatte 18 Künstler beschäftigt, die handsignierte und nummerierte Grafiken hergestellt haben." Gisela Serafin, die in Berlin lebt, war eine der bekanntesten Künstlerinnen. Ihre Bilder hängen heute unter anderem im Landtagsgebäude. Zum Angebot gehörte bis vor 20 Jahren das Rahmen von Bildern. „Manche Kunden kommen heute noch und erzählen davon", sagt Shah. Im Reformhaus war bis zum Jahr 2000 Barbara Shah allein Chefin. Munna Shah führte parallel zum Kunstverlag bis 2002 eine Werbeagentur. „Irgendwann war der Markt aber gesättigt", erläutert der 69-Jährige seine Entscheidung, sich künftig nur noch auf das Reformhaus zu konzentrieren. „Für die Menschen in der Stadt war das zunächst fremd", erzählt das Paar von Berührungsängsten. „Viele verwechseln ein Reformhaus noch heute mit einer Drogerie." Das Geschäft entwickelte sich Schritt für Schritt „Ich bin doch nicht krank", dieser Satz ist oft gehört. Munna und Barbara Shah stellen aber klar, dass es in einem Reformhaus vielmehr darum gehe, „gesund zu leben und zu bleiben". In den ersten fünf Jahren entwickelte sich das Geschäft Schritt für Schritt. „Jeden Tag kam ein Kunde mehr als am Vortag." Die Produktpalette wurde nach und nach ausgeweitet und Shahs war es stets wichtig, „nicht nur biologische, sondern auch schadstofffreie Ware anzubieten". Jede Charge werde zuvor im Labor überprüft. Nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl etwa habe es lange keine Nüsse im Laden gegeben. Beide haben vor der Reformhauseröffnung eine Ausbildung mit Prüfung zum Fachberater und für freiverkäufliche Arzneimittel abgelegt und bilden sich, wie auch ihre Angestellten, regelmäßig fort. Das Sortiment richtete sich nach den Kundenwünschen Frei verkäufliche Arzneimittel, Naturkosmetika, Schuhe aus pflanzengegerbtem Leder mit bequemem Korkfußbett, die ausschließlich in Europa hergestellt werden, Angorawäsche, Naturtextilien, mit Dinkelspelz oder Hirse gefüllte Kissen, Nahrungsergänzungsmittel: Das Sortiment wurde im Laufe der Jahre nach den Wünschen der Kunden ausgerichtet. „Das", sagt Barbara Shah, „ist das Geheimnis des Einzelhandels." „Wir mahlen sogar Getreide frisch. Und Mohn", ergänzt Munna Shah. Täglich frisch gebackene Brote kommen vom Biobäcker. Und viele Kunden, insbesondere die älteren, sagt der 69-Jährige, „genießen es, zu uns zu kommen und einfach zu reden". Einen Teil des Reformhauses nimmt das Angebot an „Heiledelsteinen" ein. Bereits seit Anfang der 90er Jahre gibt es eine riesige Auswahl, die vom Rosenquarz bis zum Tigerauge reicht. „Die Verwendung von Edelsteinen zur Trinkwasserverbesserung lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen", sagt Shah, der indische Wurzeln hat. Über die Inhaber Geboren ist Shah, von dem wohl niemand vermuten würde, dass er noch in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag feiert, in Afrika, aufgewachsen in Kenia. Nach dem Studium in England arbeitete er beim Bodenpersonal der Britischen Luftwaffe und kam schließlich nach Gütersloh. In Verl lernte er seine Frau kennen. Das Paar bekam zwei Kinder – „beide sind im St.-Anna-Haus geboren" – und nahm einen Pflegesohn auf. „Verl ist meine Heimat", sagt Munna Shah. Solange er und seine Frau sich gut fühlen, wollen sie das Reformhaus weiterbetreiben und sich dann freuen, wenn es jemand übernehmen würde.

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