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Schloß Holte-Stukenbrock Leben auf 20 Quadratmetern

10-Minuten-Reportage: In einem Übergangswohnheim für Obdachlose

VON RALF T. MISCHER
13.09.2013 | Stand 09.06.2015, 14:48 Uhr
NW-Redakteur Ralf T. Mischer verbringt zehn Minuten in einer Wohnung für Obdachlose. Die Bewohner verfügen über 20 Quadratmeter mit Kochnische und eigenem Bad. Viel ist das nicht. Aber es reicht zum Leben. - © FOTO: SABINE SCHUPP
NW-Redakteur Ralf T. Mischer verbringt zehn Minuten in einer Wohnung für Obdachlose. Die Bewohner verfügen über 20 Quadratmeter mit Kochnische und eigenem Bad. Viel ist das nicht. Aber es reicht zum Leben. | © FOTO: SABINE SCHUPP

Schloß Holte-Stukenbrock. Von außen sieht’s aus wie ein ganz normales Mietshaus: In einer hellen Farbe frisch gestrichen, die Einfahrt sauber, die Klingelschilder ordentlich. Nur der hohe grüne Zaun um das Gebäude herum, wirkt etwas merkwürdig. Die Bewohner des Hauses sind hier, weil sie woanders nicht sein können.

Zwei Stühle, ein Tisch, eine Spüle. Mehr gibt’s nicht in diesem Raum, 20 Quadratmeter, Toilette und Dusche sind nebenan. Fünf Obdachlose bewohnen das Übergangswohnheim in der Mergelheide, direkt neben der Autobahn. Ein Zimmer ist noch frei. Meine Absteige am Tag der Wohnungslosen für die nächsten zehn Minuten.

Die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland ist im vergangenen Jahr um 15 Prozent gestiegen: 284.000 Menschen waren ohne festen Wohnsitz gemeldet. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG) prognostiziert bis 2016 einen weiteren Anstieg um 30 Prozent. Eine Wohnung wird für immer mehr Menschen zum Luxus.

Information

Die Idee und die Serie

Zehn Minuten, das sind 600 Sekunden – zehn Minuten, das ist die Zeit, die die Mitarbeiter der NW-Lokalredaktion Schloß Holte-Stukenbrock für diese Geschichte unterwegs sind. Die Idee dahinter: Der Autor verbringt 10 Minuten an einem bestimmten Ort hier in Schloß Holte-Stukenbrock und schreibt dann darüber. Zehn-Minuten-Reportagen der Serie können Sie nachlesen im Internet unter: www.nw-news.de/shs

Vor dem Haus treffe ich Sabine Schupp von der Stadt Schloß Holte-Stukenbrock. Sie begleitet mich in meine Unterkunft. Die Haustür geht auf. Heraus kommt ein Mann. Sein Alter ist schwer einzuschätzen. Seine Wangen sind eingefallen, sein Gesicht ist sehr schmal und unrasiert. Er macht auf mich nicht den Eindruck, als wisse er genau, was er gerade macht. Wir grüßen ihn, er grüßt zurück. Im Treppenhaus riecht es nach Rauch, alles sieht ordentlich sauber, sogar heimelig aus: Kakteen zieren die Fensterbänke, eine spontan nicht identifizierbare Zimmerpflanze. Aber überall riecht’s nach kaltem Rauch.

Vor der Nummer 4 bleiben wir stehen, schwarze Ziffer auf weiß gestrichenem Holz. Schupp schließt die Tür auf. Ich stehe in einem Raum mit weißen Wänden, Rollos verdunkeln das Fenster, auf dem Tisch liegt ein Rauchmelder. "Dieses Zimmer war schon länger nicht mehr bewohnt."

Das Haus ist eigentlich als Übergangswohnheim für Obdachlose gedacht. Die Bewohner sollen also so schnell wie möglich wieder auf eigenen Beinen stehen. "Für viele ist das hier aber eine Dauerunterkunft", sagt Schupp.

Ich öffne die Jalousien, lege den Rauchmelder auf die Fensterbank, ziehe den Stuhl hervor, setze mich. Ruhe, denke ich. Lausche, merke: fast Ruhe. Unten wummert nur ein Bass. Vor dem Fenster rumpeln die Lkw über die Autobahn.

"Wenn eine Wohnung zwangsgeräumt wird, kommt die Stadt ins Spiel", erklärt Egon Henkenjohann, Ordnungsamtschef in Schloß Holte-Stukenbrock. Menschen, die kein Obdach haben, gefährden die öffentliche Ordnung, sagt er. Deshalb bekommen Menschen, deren Wohnung zwangsgeräumt wird, den Hinweis, dass sie sich eine neue Bleibe suchen müssen – oder vorerst im Übergangswohnheim leben können. Viele bleiben jahrelang dort.

Ich stehe wieder auf. Öffne das Fenster, schaue heraus. Den Bewohnern steht ein großer Garten zur Verfügung, in einem Holzschuppen sind die Fahrräder untergebracht. Autos haben sie nicht.

In Deutschland gab es 25.000 Zwangsräumungen im Jahr 2012 – viele Bewohner waren hoch verschuldet. Die BAG benennt hohe Mietpreise und die Verarmung der Gesellschaft als Hauptgründe dafür. Wie hoch die Zahl der Obdachlosen oder Zwangsräumungen im Kreis Gütersloh ist, kann laut einem Sprecher nicht ermittelt werden.

Ich schaue mir das Badezimmer an. Das ist sehr klein. Aber sauber. Dusche vorhanden, okay, denke ich – aber ich will wenigstens eine Badewanne. Fehlanzeige.

Für die Wohnung zahlen Bedürftige, also alle, die einen Zwangsräumungsbescheid bekommen – aber noch keine Wohnung gefunden haben – 150 Euro.

Die Obdachlosenunterkunft wurde vor drei Jahren renoviert. Kostenpunkt: 315.000 Euro. Vorher war darin ein Asylbewerberheim untergebracht.

Ich setze mich wieder an den Tisch. Schaue auf die Uhr. Der Zeiger rückt leise vor, der Bass wummert, die Lkw rumpeln. Als die zehn Minuten um sind, bin ich froh, dass ich wieder gehen kann.

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