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SHS Zwei Männer im Schnee

ZEHN-MINUTEN-REPORTAGE: Kugeln auf der Bürgermeisterwiese rollen

VON SIGURD GRINGEL
13.12.2012 | Stand 13.12.2012, 12:54 Uhr
NW-Redakteur Sigurd Gringel (links) hat dem seinem Schneemann die gleiche Nase und das gleiche Lächeln verpasst. Bei der Frisur wurde es dann zu schwierig. - © FOTO: GUNTER HELD
NW-Redakteur Sigurd Gringel (links) hat dem seinem Schneemann die gleiche Nase und das gleiche Lächeln verpasst. Bei der Frisur wurde es dann zu schwierig. | © FOTO: GUNTER HELD

Schloß Holte-Stukenbrock. Mein letzter Schneemann liegt lange zurück. Mindestens – na, sagen wir mal – einige Jahre. Aber der herrliche Pappschnee fordert mich geradezu heraus. Ich will wissen, wie viel Schnee ich in zehn Minuten zu Kugeln rollen und aufeinander stapeln kann.

Ich spreche von einem echten Schneemann. Nicht von so einem lieblos gestapelten Männlein. Mannshoch soll er sein, zumindest so groß wie ich. Doch wo baut man in Schloß Holte-Stukenbrock am besten so einen kalten Kameraden? Na klar, auf der Bürgermeisterwiese. Als überdauernder Gruß an das Stadtoberhaupt. Im ersten Stockwerk hat der Bürgermeister sein Büro und von dort aus eine perfekte Sicht auf die Wiese zwischen Rathaus und Aula.

Information

Die Idee und die Serie

Zehn Minuten, das sind 600 Sekunden – zehn Minuten, das ist die Zeit, die die Mitarbeiter der NW-Lokalredaktion Schloß Holte-Stukenbrock für diese Geschichte unterwegs sind. Die Idee dahinter: Der Autor verbringt 10 Minuten an einem bestimmten Ort hier in Schloß Holte-Stukenbrock und schreibt dann darüber. 10-Minuten-Reportagen können Sie nachlesen im Internet unter: www.nw-news.de/shs

Die Zeit läuft. Ich nehme etwas Schnee und forme einen mittelgroßen Schneeball. Im Nachhinein stellt sich dieser Teil der Arbeit als der schwierigste heraus. Denn der zarte Ball bricht ständig auseinander. Erst wenn die Kugel schwer genug ist und tadellos rollt, läuft’s rund. Ein wenig komme ich mir vor wie ein Mistkäfer, der seine Brutkammer für die Larven rollt. Allerdings benutze ich meine Hände und nicht die Beine. Ich muss mich ganz schön bücken und befürchte, dass ein sichtbarer Spalt zwischen Hose und Jacke frei wird. Jedenfalls wird es auf meiner Rückseite, wo ich die Lücke vermute, kalt.

Der Bauch muss auf die Beine.
Der Bauch muss auf die Beine.

Unter anderen Umständen wäre mir das vielleicht egal, aber hier habe ich Zuschauer: Einige Damen der Stadtverwaltung lugen neugierig durch die Fenster, im Erdgeschoss der Schule sitzt eine ganze Klasse mit dem Gesicht zu mir gewandt. Aber die Jugendlichen haben nicht viel Zeit, mir bei dem Schneevergnügen zuzusehen, sie müssen büffeln.

Als ich noch in der warmen Stube saß, dachte ich, meine Ausrüstung sei unpassend. Normale Straßenschuhe und Stoffhandschuhe. Doch beides erweist sich als durchaus geeignet. Ich stapfe ja nicht durch den hohen Schnee, sondern der Kugel hinterher. Und auch die Hände bleiben überraschend warm. Also, liebe Familien- und Großväter: Es gibt keinen Grund, den Kindern die Hilfe beim Schneemannbauen zu verwehren.

Ein Blick auf die Uhr. Zehn Minuten sind fast rum. Und nur eine dicke Kugel ist fertig. Sie reicht mir bis zum Gürtel – denken Sie jetzt nicht, ich hätte kurze Beine. Mir wird klar, dass ich den Schneemann in der vorgegebenen Zeit nicht schaffe. Drei Kugeln sollen es schon sein. Aber aufhören darf ich jetzt nicht. Die zweite Kugel soll auf die erste. Dabei passiert’s: Sie zerbricht in Einzelteile. Wieder bücken, Kugel rollen. Etwas kleiner soll sie sein, aber auch nicht zu schlank – was ist ein Mann ohne Bauch, denke ich mir. Der Kopf ist schnell gemacht. Damit er fest auf dem Rumpf sitzt, schummle ich ein bisschen. Ich nehme Schnee und pappe ihn meinem Kameraden an den Hals. Gar nicht übel. Sieht aus, wie ein Schal.

Den Bürgermeister habe ich nicht am Fenster gesehen. Aber vielleicht bedankt er sich für den Gruß – und baut dem Schneemann eine Frau.

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