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Mit dem passionierten Jäger Werner Dresselhaus wagt sich Redakteurin Sabine Kubendorff kurz vor der Abenddämmerung vom Bürostuhl auf den Hochsitz. - © FOTO: KUBENDORFF
Mit dem passionierten Jäger Werner Dresselhaus wagt sich Redakteurin Sabine Kubendorff kurz vor der Abenddämmerung vom Bürostuhl auf den Hochsitz. | © FOTO: KUBENDORFF

Schloß Holte-Stukenbrock Meditieren auf dem Hochsitz

10-Minuten-Reportage: Mit Werner Dresselhaus im Wald

VON SABINE KUBENDORFF
26.05.2011

Schloß Holte-Stukenbrock. Zwei Erkenntnisse sind gewonnen: Ein Komponist sollte auf der Suche nach Melodien den Vögeln zuhören und ein Parfümeur eine Mischung aus frischem Farn, jungem Blattwerk und einem Hauch von Erdboden kreieren.

Es ist überwältigend, was Auge und Ohr abends im Wald geboten wird. Von den gut 90 Minuten auf dem Hochsitz zusammen mit dem passionierten Jäger Werner Dresselhaus auf einem Hochsitz am Rande einer Lichtung im Holter Wald sind zehn besonders schön.

Die Dämmerung hat schon eingesetzt, als Jäger und Reporterin belohnt werden. Ein Reh tritt vorsichtig aus dem Wald. Nicht zu übersehen: Sie wird bald vermutlich zwei Kitze zur Welt bringen. Werner Dresselhaus lässt seine Bockbüchsenflinte, die er sowohl mit Schrot als auch mit Kugeln laden kann, auf der hölzernen Begrenzung des Hochsitzes ruhen. Auch einen alten Fuchsrüden hatte er kürzlich ziehen lassen. "Die müssen erst einmal ihre Kleinen großziehen."

Im Wald herrscht derzeit Babyboom. Bis Ende Mai/Anfang Juni sind beispielsweise alle Kitze da. "Die Ricken", erklärt Werner Dresselhaus, "kümmern sich sehr um sie, aber erst im September werden sie selbstständig."

Die werdende Mutter auf der Lichtung im Holter Wald knabbert Gras und gelbe Blumen ("Rehe sind Feinschmecker"), unterbricht sich aber dabei immer wieder. Verharrt, schaut, lauscht – ist da was? Die Vögel werden lauter, scheinen sich überbieten zu wollen, rufen und antworten.

Schwarzwild, Dachse, Marder, Fasane, Enten, Tauben und anderes mehr leben auch im Holter Wald. Kaninchen gibt es im Moment nur wenige, Krankheiten haben den Bestand ausgedünnt. Auch Rebhühner machen sich rar. "Den Kuckuck hört man gar nicht mehr", sagt Werner Dresselhaus, erklären kann er sich das aber nicht.

Amseln und Drosseln gewinnen im Abendkonzert die Oberhand, die Ricke ist noch nicht satt. Hören, schauen, ganz ruhig sitzen – diese Zeit auf dem Hochsitz hat etwas Meditatives. Stress und Hektik sind ganz weit weg. Das frische Grün des Holter Waldes riecht betörend.

Dieser Wald ist 613,14 Hektar groß und steht unter Naturschutz. Er ist ein beliebtes Naherholungsgebiet, und es gibt ein Besucherlenkungskonzept. So sollen die Waldbesucher orientiert, informiert und sensibilisiert werden. Dennoch hat die Zahl derer, die keine Rücksicht auf die Waldbewohner nehmen, nach Einschätzung von Werner Dresselhaus nicht abgenommen. Spaziergänger, die die Wege verlassen, und nichtangeleinte Hunde sind die ärgsten Feinde der Tiere, ganz besonders der ohnehin scheuen Rehe. Auch deshalb wagen die sich erst in der Dämmerung aus dem Wald .

In den zieht sich die Ricke jetzt zurück. Ganz bedächtig, immer wieder um sich schauend. Das Licht ist fast ganz geschwunden. Die Vögel haben ihr Abendkonzert lange nicht beendet.
      

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