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Starkes Kneten ist eher kontraproduktiv für Schwangere. Während des Geburtsvorbereitungskurses für Paare lernt Mitarbeiter Besim Mazhiqi, wie er den Massageball richtig einsetzt, um den durch die Schwangerschaft beanspruchten Rücken seiner Freundin zu entlasten. Die Paare im Hintergrund machen es nach. - © FOTO: BESIM MAZHIQI
Starkes Kneten ist eher kontraproduktiv für Schwangere. Während des Geburtsvorbereitungskurses für Paare lernt Mitarbeiter Besim Mazhiqi, wie er den Massageball richtig einsetzt, um den durch die Schwangerschaft beanspruchten Rücken seiner Freundin zu entlasten. Die Paare im Hintergrund machen es nach. | © FOTO: BESIM MAZHIQI

SCHLOSS HOLTE-STUKENBROCK Wehen und Superhelden

Die 10-Minuten-Reportage: Beim Geburtsvorbereitungskurs für den Ernstfall üben

VON BESIM MAZHIQI
23.03.2011

Schloß Holte-Stukenbrock. Glaubt man den Geschichten, mit denen Krankenhäuser und Hebammen um die Gunst werdender Eltern wie mich buhlen, dann kann das Gebären durchaus ein Kinderspiel sein, wenn auch ein langes. In Naturfarben lasierte Wände, gedämpftes Licht und entspannende Raumduftschwaden sollen jede Presswehe zu ruhiger Musik vergessen machen – das ist mein erster Eindruck beim Geburtsvorbereitungskurs für Paare, den ich jetzt besucht habe.

Ich frage mich, ob ich hinterher vom Äpfel schütteln schwärmen soll, nachdem ich in zärtlichen Wackelbewegungen die Pobacken meiner Partnerin massieren durfte. Sie findet es gut, und die entspannten Gesichter der anderen Schwangeren verraten, dass es ihnen ähnlich geht. Ein weiterer Blick durch die Runde zeigt: Wir Männer sind Assistenten, die sich hinter die Frau setzen, neben ihr knien oder sich von hinten an sie drücken, um sie bei der Geburt unterstützend zu begleiten. Und Anja Kassing, die Hebamme, nimmt glücklicherweise kein Blatt vor den Mund. "Wehen verursachen Schmerzen, stressen vielleicht auch und manchmal kann es auch Geburtsverletzungen geben", sagt sie. Nicht umsonst bedeutet "Kreißen" wohl schreien und stöhnen, denke ich mir.

Davon sind wir an unserem Übungsabend weit entfernt. Neben viel Theorie, die uns "schwangere" Männer schonungslos über verschiedene Öffnungszustände des Muttermunds und dem Anschein nach des Tantra entsprungenen Gebärpositionen aufklärt, läuft alles ganz gesittet ab. Kassing dreht die Entspannungsmusik etwas lauter, die Frauen atmen bewusst ein und aus. Jede behält sich das schmerzverzerrte Gesicht für den Ernstfall vor und legt jetzt ein Grinsen und liebe Blicke auf. Wir Männer üben unterdessen mit unseren Fäusten Druck aufs Kreuzbein unserer Frauen aus, um die simulierte Wehe "erträglicher" zu machen.

"Nicht so einfach, oder?", sagt die Hebamme, nachdem wir drei oder vier Wehenphasen von je 60 bis 90 Sekunden simuliert haben. Die Frauen haben das Lächeln noch nicht abgelegt. Ich dagegen wische mir den Schweiß von der Stirn. Aber bevor ich zur Ruhe komme, wird mir, natürlich wieder mit einem Lächeln, ein Massageball in die Hand gedrückt. "Viel Spaß, Schatz", sagt die Liebste.

Während sich die Frauen zur Entspannungsmusik von uns Männern verwöhnen lassen und das Baby, so vermute ich, genüsslich vom Mutterkuchen knabbert, lasse ich meine Gedanken in den Kreißsaal schweifen. Ich sehe mich am Tag der Geburt meine Freundin zugleich massierend und bei jeder Wehe behilflich mitatmend. Das Anfeuern und Pressen überlasse ich der Hebamme und ihr. Vielleicht koche ich zwischendurch einen Tee. Immerhin soll eine Erstgeburt zwischen sechs und zehn Stunden dauern. Geredet wird nicht. Denn alles was ich sage, wird im Wehen-Wahn sicherlich gegen mich verwendet. Nerven aus Stahl, den Mut des letzten Mohikaners und die Geduld eines Engels – natürlich, das bringe ich alles mit. Und während mein inzwischen geborenes Kind in mein Superheldencape (was sonst!) gewickelt wird, rüttelt jemand an meiner Schulter und holt mich zurück in die Geborgenheit des Paarkurses: "Schatz", sagt meine Freundin, "es ist vorbei. Du kannst Deine Hand jetzt von meinem Po nehmen."

Information

Die Idee und die Serie     

Zehn Minuten, das sind 600 Sekunden – zehn Minuten, das ist die Zeit, die die Mitarbeiter der NW-Lokalredaktion Schloß Holte-Stukenbrock für diese Geschichte unterwegs sind.
Die Idee dahinter: Der Autor verbringt 10 Minuten an einem bestimmten Ort hier in Schloß Holte-Stukenbrock, lässt so ziemlich alles mit sich machen und schreibt dann darüber.
Alle 10-Minuten-Reportagen der Serie können Sie nachlesen im Internet unter www.nw-news.de/shs -bo

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