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NW-Redakteurin Sabine Kubendorff zündet vor der Pieta, der Darstellung Marias mit dem Leichnam Jesu, zwei Teelichter an. - © FOTO: GUNTER HELD
NW-Redakteurin Sabine Kubendorff zündet vor der Pieta, der Darstellung Marias mit dem Leichnam Jesu, zwei Teelichter an. | © FOTO: GUNTER HELD

SCHLOß HOLTE-STUKENBROCK Innehalten, Gedanken ordnen

10-Minuten-Reportage in der St.-Ursula-Kirche

VON SABINE KUBENDORFF
09.03.2011

Schloß Holte-Stukenbrock. Richtig still ist es nie. Geräusche von der Straße. Tür auf, Tür zu. Das "Hallo" einer Dame, die sich nur schnell einen Pfarrbrief kauft. Das Zischeln der Teelichter. Aber es ist still genug, um etwas zu tun, was jedem Menschen gut tut.

Zehn Minuten innehalten, seine Gedanken ordnen. Die Flut von Nachrichten darüber, wer wann wie warum fastet, hat mich verunsichert. Sollte ich vielleicht auch einmal . . .? Zu meiner Schande muss ich mir eingestehen, dass ich wohl das bislang letzte Mal kurz vor meiner Kommunion bewusst Verzicht geübt habe. Ich suche die Stille der St.-Ursula-Kirche, um in mich zu gehen.

Das Schloß Holter Gotteshaus ist tagsüber immer geöffnet. Küsterin Christa Fraune schließt morgens in aller Herrgottsfrühe auf, bei Sonnenuntergang ab. Allerdings bleibt der Zugang in den eigentlichen Kirchraum verwehrt. Vor Jahren wurde aus Sicherheitsgründen ein kunstvoll geschmiedetes Gitter angebracht, so dass sich mein Besuch in der Kirche auf den Vorraum beschränken muss. Ich nutze nicht einen der Stühle, die freundlicherweise Besuchern Gelegenheit geben, sich auszuruhen. Ich wende mich der Pieta zu, vor der Teelichter flackern und einen zarten Wachsgeruch verströmen.

Sieben Wochen ohne – warum? Um mich aus der Umklammerung alter Gewohnheiten zu befreien, mir selbst etwas zu beweisen. Um Körper und Seele etwas Gutes zu tun. Ich will mal wieder stolz auf mich sein können. Indes: 40 Tage sind verflixt lang.

Ich mache in Gedanken eine Prioritätenliste, die aber nicht übereinstimmt mit dem Ergebnis einer Umfrage, in Auftrag gegeben von einer Krankenkasse. Danach wollen 78 Prozent der Befragten auf Alkohol verzichten, 69 Prozent auf Süßigkeiten, 53 Prozent auf Zigaretten, 48 Prozent auf Fleisch, 42 Prozent auf Fernsehen.

Und 28 Prozent auf Computer und/oder Internet. Dabei laden diverse kirchliche Initiativen im Netz ein zur Einkehr. Man kann sich zum Beispiel über das soziale Netzwerk "Facebook" über seine Fastenziele, -erfahrungen und -krisen austauschen. Man kann sich aber auch jeden Tag einen Bibelvers aufs Handy schicken lassen.

Einige Münzen klingeln im Opferstock, ich zünde zwei Teelichter an. So wie ich das immer tue, wo auch immer ich bin. Jüngst zum Beispiel im Kölner Dom. Ein wundervolles, Gotteshaus, aber kein Ort der Stille. Dort muss man sich schon sehr konzentrieren, um innezuhalten, Gedanken zu ordnen.

In der Ursula-Kirche gelingt es mir wunderbar, wenngleich in diesem Moment Gerd Hano die Stille unterbricht. Der engagierte Katholik steht bei der Messe traditionell immer auf der Orgelbühne und ärgert sich seit Monaten über den Schmutz auf der Fensterbank, den er immer sieht, wenn er nach links blickt. "Jetzt", sagt er und klingt wild entschlossen, "habe ich erst mal einen Staubsauger mitgebracht." Und da geht die Tür schon wieder auf. Gemeindereferentin Mechthild Bömelburg erscheint in Begleitung und mit Werkzeugkoffer. Sie werden das Fastentuch aufhängen.

Früher trennte das Fastentuch die Gemeinde vom Altarraum, so dass sie lediglich hörend die Messe verfolgen konnte. Heute soll es zur Besinnung und konkretem Handeln anregen. Übrigens: Weil die großen Fastentücher aus mehreren Teilen zusammengenäht wurden, entstand die Sprachwendung "am Hungertuch nähen", aus "nähen" wurde "nagen". So steht’s im Pfarrbrief, den die Gläubigen im Pastoralverbund ab kommendem Wochenende für 30 Cent erstehen können.

Zum Beispiel im Vorraum der St.-Ursula-Kirche, den ich jetzt, nach zehn Minuten, verlasse. Die Sonne scheint, es riecht nach Frühling. Ich habe einen Entschluss gefasst.

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