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Das Beizeisen in der linken, den Knüpfel in der rechten Hand rückt NW-Redakteur Gunter Held dem Stein zu Leibe, dass die Brocken fliegen. Praktikant Aaron Koch hält das Werkstück fest. - © FOTO: BESIM MAZHIQI
Das Beizeisen in der linken, den Knüpfel in der rechten Hand rückt NW-Redakteur Gunter Held dem Stein zu Leibe, dass die Brocken fliegen. Praktikant Aaron Koch hält das Werkstück fest. | © FOTO: BESIM MAZHIQI

DIE ZEHN-MINUTEN REPORTAGE Genau hinhören

Die Zehn-Minuten-Reportage: Der Versuch, Michelangelo nachzueifern

VON GUNTER HELD
12.02.2011

Schloß Holte-Stukenbrock. Ich höre nichts. Weder auf der metaphysischen Ebene, noch akustisch. Vor mir liegt ein Stein, und er bleibt Stein. Mir geht ein Spruch von Gertrude Stein, dieser Ikone der Avantgarde-Schriftsteller aus den 20er Jahren, durch den Kopf: "Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose." Kann man auch auf den Stein anwenden, denke ich und lege die Hand auf das Stück Sandstein. Ich weiß genau: Irgendwo in diesem schmutzig-weißen Stück steckt der Würfel. Er will nur freigelegt werden.

Wie oft habe ich gelesen, dass Skulpturen nicht erschaffen werden, sondern dass der Steinmetz nur das Überflüssige weghaut. Die Kunst ist, zu wissen, wo das Überflüssige sitzt. Es hilft nichts, ich spüre nichts, ich höre nichts. Mir bleibt nur noch eines: Meißel ansetzen und mit dem Klöppel feste drauf.

Steinmetzmeister René Illies hat mir den Umgang mit dem Werkzeug erklärt. "Zunächst heißen die Meißel Eisen und die Klöppel entweder Fäustel, wenn sie aussehen wie ein Hammer mit zu kurzem Stiel, oder Knüpfel." Wir stehen zu viert in der großen Werkstatt. Illies, Hassan Alaouie, Azubi im zweiten Lehrjahr und Praktikant Aaron Koch – und alle drei haben dieses breite Grinsen im Gesicht, als ich sage, dass ich gern einen Würfel aus einem Stück Stein herausarbeiten möchte. "Ich denke, wir fangen an mit einer geraden Fläche, die aus dem Stein herausgehauen werden soll", sagt Illies. "Ein Würfel ist in 10 Minuten nicht zu schaffen – auch nicht in 20." Gut, dann also eine Fläche, denke ich. Doch vor meinem geistigen Auge erhebt sich daraus ein Würfel, der auf der Spitze steht – na, mal sehen, schließlich muss man sich Ziele setzen.

Illies kommt mit dem Beizeisen an. Das ist vorn flach und etwa einen Zentimeter breit. In der Zwischenzeit hat Alaouie rund um den Stein einen Riss angezeichnet, etwa einen Zentimeter unterhalb der Oberfläche. Der Steinmetzmeister zeigt mir, wie ich das Eisen halten muss. "Zwischen Ringfinger und kleinem Finger hindurchführen und oben leicht den Daumen anlegen – so kann man das Eisen am besten führen", sagt er. "Und nicht verkrampfen."

Mit dem Beizeisen in der linken und dem Knüpfel in der rechten Hand mache ich mich ans Werk. "Nicht dahin schauen, wohin der Knüpfel trifft, sondern auf die Spitze des Eisens sehen, dann haut man auch nicht daneben." Stimmt, denke ich und schlage zu. Immer wieder, immer kräftiger. Ich arbeite mich an der geraden Linie entlang und habe schon fast das Ende des Werkstückes erreicht. "Stopp", ruft Illies, als ich mich der Ecke nähere. "Ecken und Kanten sind des Steinmetzen Basen und Tanten", ruft er mir einen Handwerkerspruch zu, der hinsichtlich der weibliche Verwandtschaft nicht eben freundlich gemeint ist. Doch Alaouie erklärt’s: "Wenn man an der Ecke vom Stein weg arbeitet, kann es leicht passieren, dass ein großes Stück abplatzt." Ungünstig wäre das, denn ab ist ab. Also drehe ich das Werkstück und arbeite wieder in den Stein hinein. "Eigentlich bleibt das Werkstück liegen und man ändert die eigene Position. Wenn das ein Grabstein wäre, könnten Sie den nicht so leicht drehen." "Ist es aber nicht", gebe ich zurück und konzentriere mich weiter.

Nach einigen Minuten habe ich eine neue Kante rund um den Stein gehauen. Eines weiß ich schon jetzt: Ein zweiter Michelangelo wird aus mir nicht werden. Langsam beginnen die Hände zu schmerzen, weil ich Eisen und Knüpfel zu verkrampft halte – aber wer mag so etwas schon zugeben. Ich haue weiter. Erst mit dem etwas breiteren Schlageisen, um die Kante sauber zu definieren, dann mit dem Spitzeisen, um großflächig Material abzutragen. Geglättet wird dann erst mit dem Zahneisen. Die Schläge hinterlassen eine geriffelte Oberfläche – oder sollen es zumindest. In dieser Rillen wird die etwa acht Zentimeter breite Klinge des Scharriereisens angesetzt. Mit diesem breiten Eisen wird der Stein noch besser geglättet.

Hassan Alaouie schaut sich mein Werk an. Er ist ausgesprochen höflich und sagt: "Gar nicht so schlecht für den Anfang." Ich will es ihm mal glauben. Aber der Stein, der hat während der ganzen Zeit nicht einmal zu mir gesprochen . . .

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