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Schloß Holte-Stukenbrock Die jungen Rechte der Frauen

10-Minuten-Reportage: Auf den Spuren der Gleichberechtigung

Miriam Scharlibbe
11.06.2015 | Stand 11.06.2015, 12:43 Uhr
GläserneDecke: Anja Martin, Gleichstellungsbeauftragte für Schloß Holte-Stukenbrock, erzählt NW-Mitarbeiterin Miriam Scharlibbe, welche

Probleme Frauen im Beruf haben, und warum sie für eine Frauenquote ist. - © Patrick Menzel
GläserneDecke: Anja Martin, Gleichstellungsbeauftragte für Schloß Holte-Stukenbrock, erzählt NW-Mitarbeiterin Miriam Scharlibbe, welche
Probleme Frauen im Beruf haben, und warum sie für eine Frauenquote ist. | © Patrick Menzel

Schloß Holte-Stukenbrock. Ich habe Abitur gemacht und studiert, verdiene mein eigenes Geld und bezahle meine Miete selbst. Sollte ich irgendwann heiraten, wird sich daran nichts ändern - warum auch? Ich weiß, dass Frauen nicht immer so selbstbestimmt gelebt haben. Dennoch wird mir bei meiner Besichtigung der Wanderausstellung zur Entwicklung der Gleichberechtigung erneut bewusst, unter welchen abstrusen Gesetzen Frauen noch vor wenigen Jahren litten. Zehn Minuten auf den Spuren der Emanzipation lassen mich erstaunen, kopfschütteln und erschrecken.

Die Eingangshalle des Rathauses ist menschenleer. An den Wänden stehen die 13 farbigen Stellwände. Sie tragen Überschriften wie „Die ewige Familienministerin“, „Frauen und Kirche“, „Bildung und Schule“. Ich finde, hier passt etwas nicht richtig zusammen, so ein emotionales und wichtiges Thema sollte doch anders aufbereitet werden. Die Ausstellung wirkt so stumm, wie es viele Frauen waren, bevor sich die Gleichberechtigung entwickelte. Aber vielleicht ist dieser Zweck beabsichtigt, um die Besucher zum Nachdenken anzuregen.

Langsam gehe ich von Stellwand zur Stellwand, betrachte die Bilder der Frauen - Sportlerinnen, Politikerinnen, namenlose Bürgerinnen. Ich bin der letzte Gast in Schloß Holte-Stukenbrock. Gleich wird die Ausstellung „Da muss ich erst meinen Mann fragen - Frauenrechte einst und jetzt“ abgebaut und wandert weiter durch das Land.

50 Jahre Gleichstellungsgesetz

Auf einer Tafel lese ich, dass die Ausstellung vom Frauennetzwerk Memmingen Anfang 2009 konzipiert wurde. Ein Anlass war das wenige Monate zuvor gefeierte 50-jährige Jubiläum des Gleichstellungsgesetzes, dass am 1. Juli 1958 in Kraft trat. Seitdem sind Männer und Frauen zumindestens auf dem Papier gleichgestellt.

1958, da war meine Mutter noch nicht geboren und dennoch liegt es nicht weit zurück. Ich wusste zwar, dass die Geschichte der Emanzipation in Deutschland noch sehr jung ist, aber diese Zahlen schockieren mich. 1958 erst wurde die Gleichberechtigung gesetzlich verankert - neun ganze Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik und den großen Reden über Demokratie. Dabei haben sich mit dem Gesetz die Frauenrechte in der Realität nicht wirklich verändert. Ich lese, wie es wirklich war: Bis zur Familienrechtreform Ende der 70er Jahre waren die Frauen ihren Ehemännern ausgeliefert. Ich stelle mir vor, wie mein Freund zu meiner Redakteurin geht, und meinen Job kündigt. Der Grund: Zu wenig Zeit für die „häuslichen Pflichten“. Allerdings hätte ich damals gar nicht arbeiten dürfen ohne seine Zustimmung. Was absurd klingt, war bis 1977 das Recht jedes Mannes.

Kaffeeservice als Preisgeld für die Frauen-EM

Während ich noch fassungslos nachzähle, dass dieses Leben, was für mich nach Mittelalter klingt, nur gute 30 Jahre her ist spricht mich Anja Martin an. Die Gleichstellungsbeauftragte für Schloß Holte-Stukenbrock erlebt diese Reaktion häufig von jungen Frauen. Dass das Preisgeld der EM-Siegerinnen 1989 ein Kaffeeservice war, wissen spätestens seit der Frauen-WM in diesem Jahr fast alle, um die katastrophale Gesetzeslage, die noch bis in die späten 90er Jahre galt, wüssten junge Frauen heute nicht mehr. „Skandalös ist auch, dass die Vergewaltigung in der Ehe erst 1998 strafbar wurde“, sagt Anja Martin. Ich bin fassungslos. Erst recht als ich lese, dass die eheliche Vergewaltigung erst seit 2004 ein Offizialdelikt ist, also grundsätzlich von der Staatsanwaltschaft verfolgt wird. Vorher musste ein Strafantrag vorliegen.

„Aber auch, wenn die Gesetzeslage heute endlich besser ist, gibt es immer noch so viele Hindernisse für Frauen, sowohl im Job als auch im Privaten“, sagt Martin. „Die Entwicklung der Emanzipation ist noch lange nicht abgeschlossen.“

Ich kann den Worten der Gleichstellungsberechtigten nur zustimmen.

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