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Und ab dafür: NW-Volontärin Julia Bömer (rote Jacke) setzt gerade zum Wurf an. Die Boccia-Herren des FC Stukenbrock schauen ihr dabei im Hintergrund zu. - © Sigurd Gringel
Und ab dafür: NW-Volontärin Julia Bömer (rote Jacke) setzt gerade zum Wurf an. Die Boccia-Herren des FC Stukenbrock schauen ihr dabei im Hintergrund zu. | © Sigurd Gringel

Schloß Holte-Stukenbrock Die ganz ruhige Kugel schieben

10-Minuten-Reportage: Boccia-Spielen mit den Senioren des FC Stukenbrock

Julia Bömer
10.06.2015 | Stand 10.06.2015, 16:12 Uhr
Schloß Holte-Stukenbrock. 30 Senioren in leichten Strickpullis, Karo-Hemden oder Freizeitwesten sitzen an niedrigen Holztischen. Vor ihnen weiße Porzellantassen mit dem letzten Schluck Kaffee darin. Die Männer sind eingerahmt von holzvertäfelten Wänden, plaudern, gießen Kaffee nach. Zwei leere Kannen stehen auf der Theke. Boccia spielen hatte ich mir anders vorgestellt.

„Jeden Mittwoch geht hier ein halbes Pfund Kaffee weg“, sagt Karl-Heinz Wohlhaupt. Er ist einer der Senioren im FC Stukenbrock, die einmal die Woche Boccia spielen. Und das sei eben etwas Gemütliches: „Eine Tasse Kaffee vorher muss sein.“ Eigentlich eröffnet die Gruppe erst morgen, am Freitag, die Saison. Ich darf schon vorher auf die Bahn. 25 Meter lang, 4,5 Meter breit, eigentlich noch zu weich wegen des Regens. „Da muss man hart werfen“, sagt Wohlhaupt, „mit mehr Kawumm.“

Er zeigt mir eine rote Holzkugel - das Schweinchen. Die gilt es, zu treffen. Ohne auf die Bahn zu schauen, wirft er sie hinauf. „Die muss hinter den Pinöppeln liegen“, sagt er und deutet auf zwei Hütchenmarkierung auf der Hälfte der Bahnstrecke. Dann überschlagen sich seine Worte mit denen von Dietmar Gebauer, einem weiteren, erfahrenen Boccia-Senior. Von Seitenwechsel nach dem ersten Wurf sprechen sie, einem Punkt für die beste Kugel, Taktik Beide sind seit Jahrzehnten Ballsportler. Ich blutige Anfängerin. „Ach, Karl-Heinz, mach doch mal vor“, rät Dietmar Gebauer. Das macht Karl-Heinz. Lockerer Wurf mit der linken Hand, zielgenau, die Kugel landet nur wenige Zentimeter neben dem Schweinchen in 15 Meter Entfernung. Dann wirf Gebauer. Er holt kaum mit dem Wurfarm aus und schon rollt die Bahn in Richtung Schweinchen. Der Bahnboden knirscht, die Kugel stoppt noch näher neben der Holzkugel.

Übung macht den Meister

„Keine Sorgen, wir hatten schon oft Anfänger hier, die besser geworfen haben als wir“, flüstert mir Dietmar Gebauer zu. Also los. Ich visiere das Schweinchen an, beuge den Oberkörper vor und erinnere mich an den „Kawumm“-Rat von Karl-Heinz Wohlhaupt. Die 1,5 Kilo schwere Kugel schießt aus meiner Hand und hält erst kurz vor dem Bahnende. „Nach dem zweiten Mal hat man direkt mehr Ballgefühl“, sagt Dietmar Gebauer. Das macht mir Hoffnung. Wir holen die Kugeln wieder. Währenddessen sind auch die übrigen Männer aus der Kaffeehütte auf den Platz gekommen.

Dietmar Gebauer will mir nun auch Taktik beibringen. „Man kann auch die Kugel des anderen wegschieben“, sagt er, als Karl-Heinz Wohlhaupt zum erneuten Wurf ansetzt. Wieder präzise. Noch näher am Schweinchen am beim Durchgang zuvor. Ein Senior vom Rand wirft ihm ein bewunderndes „Heuuuh“ entgegen und meint scherzhaft: „Wer war das denn?“

Die alten Herren bewahren die Ruhe

Dietmar Gebauers Ehrgeiz ist gepackt. „Den versuch ich jetzt mal wegzukegeln“, sagt er. Der Plan funktioniert. Er touchiert Wohlhaupts Kugel. Die rollt weiter. Gebauers Spielgerät liegt nun neben dem Schweinchen. „Da hat er mich doch glatt weggeschubst“, sagt Karl-Heinz Wohlhaupt und lacht seinen Kollegen an.

Dann bin ich wieder dran. Dieses Mal denke ich gar nichts. Lasse die Kugel einfach aus der Hand gleiten. Sie rollt. Ein Meter vor der roten Holzkugel stoppt sie. „Fast berührt“, kommentiert Gebauer.

„Man muss einfach die ganz ruhige Kugel schieben“, sagt Karl-Heinz Wohlhaupt. Darin liegt also das Geheimnis der Altherren. Die haben sich übrigens verjüngt. Ein 65-Jähriger und ein 68-Jähriger seien der Gruppe beigetreten. Wohlhaupt sagt: „Boccia ist eben ein Altherrensport.“ Ein gemütlicher.

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