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Wenn der BVB spielt, wird die Holter Bierstubezur Borussenstube. Zum Champions-League-Spiel kellnerte NW-Volontärin Amina Vieth für die Fußballfans und erlebte, was die Kneipe für die Sportfreunde so besonders macht. - © Amina Vieth
Wenn der BVB spielt, wird die Holter Bierstubezur Borussenstube. Zum Champions-League-Spiel kellnerte NW-Volontärin Amina Vieth für die Fußballfans und erlebte, was die Kneipe für die Sportfreunde so besonders macht. | © Amina Vieth

Schloß Holte-Stukenbrock Borussen besetzen die Bierstube

10-Minuten-Reportage: Kellnern beim Champions-League-Spiel des BVB 09

Amina Vieth
09.06.2015 | Stand 09.06.2015, 14:23 Uhr

Schloß Holte-Stukenbrock. Renate Stenglein presst die Hände ans Gesicht und schaut mit halb zugekniffen Augen auf den BVB-Spieler Marco Reus, der sich auf seinen Elfmeterschuss vorbereitet. Reus setzt zum Schuss an – der Ball geht direkt ins Netz und der BVB mit 1:0 in Führung beim Champions League Spiel gegen den SSC Neapel. „Jaaa! Tooor!“ jubeln die Fans und springen auf, ich auch. Ich sitze mitten unter den BVB-Fans in der Holter Bierstube. Zum Fußballspiel verwandelt sich die Kneipe von Dieter Otto vor dem Gentschenfelde in ein kleines Stadion. Es ist das zweite Wohnzimmer der Borussen-Anhänger, für die ich zehn Minuten kellnere.

Mit meinem Dortmund-Schal um den Hals bin ich für das Spiel gerüstet und trete in die Bierstube ein. Sofort fallen mir die Fernseher auf – drei an den Wänden und einer hinter der Theke. Der Vorbericht läuft noch. Mein Blick kreist durch den Raum. Jeder Platz ist belegt, fast jeder Gast trägt etwas Schwarz-Gelbes. Die eingefleischten Fans finde ich auf der Eckbank neben der Theke. Sie erwarten mich bereits. Unter der Glasplatte des runden Tisches ist ein Bild der Meisterschale von 2011 zu sehen – ein echter Blickfang. „Die Tischplatte habe ich selbst angefertigt“, sagt Hartwig Stenglein, der gemeinsam mit seiner Ehefrau Renate Stenglein und Günther Brock zum Stammtisch gehört.

Seit fünf Jahren kommen sie zum Fußballgucken in die Bierstube. Außer bei Heimspielen, denn sie haben Dauerkarten für das Westfalenstadion. Doch das Spiel gegen die italienische Mannschaft gucken sie in der Kneipe, „wegen des schlechten Wetters“. „Wenn man nicht im Stadion ist, kann man nirgends besser Fußball gucken als hier“, sagt Stenglein. „Dieter hat hier acht Fernseher. Aus jedem Winkel kann man das Spiel sehen“, sagt Günther Brock.

Fernseher auf der Herrentoilette

Hartwig Stenglein beugt sich über den Tisch und fragt: „Hast Du das Highlight schon gesehen?“ Ich schüttele den Kopf und frage mich, was das wohl sein könnte. Vielleicht eine Leinwand in einem Hinterzimmer? Stenglein führt mich durch den Flur, wo ebenfalls ein Fernseher an der Wand hängt. „Hier verpasst du nichts vom Spiel“, sagt er, öffnet die Tür zur Herrentoilette und lacht. In der Wand, über dem Urinal, hängt ein Fernseher. „Das habe ich noch nicht gesehen“, sage ich schockiert-fasziniert und begebe mich zurück zum Stammtisch. Nur noch zwei Minuten bis zum Spiel. Die Gläser auf dem Tisch sind leer. Kurzerhand schreite ich zur Tat. Schließlich bin ich gekommen, um den Wirt zu unterstützen.

Fünf Zapfhähne, fünf verschiedene Biersorten. „Der Stammtisch trinkt immer Bitburger“, sagt vor dem Gentschenfelde und zeigt auf den vierten Hahn. Es ist einige Zeit her, dass ich gezapft habe und ich brauche einen Moment, um den Rhythmus zu finden. Die Bestellungen werden mehr und mehr, immerhin wollen 40 Gäste zum Anpfiff nicht auf dem Trockenen sitzen. „Zum Fußball ist der Andrang immer groß. Samstag waren es 70 Gäste, überall haben sie gesessen und gestanden“, sagt der Kneipier. „Ohne die Stammgäste könnte ich Fußball so nicht anbieten. Deswegen ist es mir auch wichtig, jedes Spiel zu zeigen. Auch, wenn ich eigentlich Ruhetag hätte.“

Drei Bier für den Stammtisch habe ich nach wenigen Minuten gezapft. Die Schaumkrone ist mir gut gelungen. Schnell bringe ich die vollen Gläser an den Tisch und kehre hinter die Theke zurück. Erstaunt blicke ich zum Wirt. Zack, zack, zack – in Windeseile befüllt er die Gläser. So schnell bin ich nicht. Das bemerkt auch vor dem Gentschenfelde und sagt mit einem Lachen: „Setz dich mal zum Stammtisch, hier läuft alles.“ Das lasse ich mir nicht zweimal sagen, schließlich hat das Spiel schon begonnen.

Bis auf leises Raunen, wenn die Pässe daneben gehen, ist nichts zu hören von den Gästen. Dann ein Aufschrei. Ein gegnerischer Spieler hält Robert Lewandowski fest und behindert ihn am Spielen. „Was soll denn das?“, ruft Stenglein verärgert. „Das muss Elfmeter geben“, sagt Brock empört und haut auf den Tisch. Der Schiedsrichter gibt den Elfmeter. Reus schießt, trifft und bringt den BVB in Führung. Alle Gäste werfen die Arme in die Luft und stoßen Jubelrufe aus. „Da ist das Tor!“, ruft Brock. Die Fans hoffen auf den Sieg. „In der letzten Zeit lief es nicht gut für Dortmund, aber das ist nun mal Fußball. Man kann nicht immer gewinnen“, sagt Stenglein. „Doch wenn das erste Tor gefallen ist, dann geht es auch gut weiter.“ Stenglein hat recht, wie der 3:1 Sieg des BVB zeigt.

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