Martin Kolek - © Privat
Martin Kolek | © Privat

Steinhagen "Sea-Watch": Dieser Flüchtlingsretter berichtet vom Einsatz im Mittelmeer

Jonas Damme

Steinhagen. "Sea-Watch" und andere Organisation retten seit Jahren vor der nordafrikanischen Küste Flüchtlinge. Manche feiern die Schiffsbesatzungen als Helden, andere verdammen sie als Schlepper. 2016 war Martin Kolek aus Delbrück mit Sea-Watch unterwegs. Dort rettete der Therapeut Menschen, barg aber auch Leichen. In drei Wochen startet er erneut zum Mittelmeereinsatz. Vor seinem Bericht im Heimathaus sprach er mit dem Haller-Kreisblatt. Wie sind sie zu Sea-Watch gekommen? Martin Kolek: Ich bin Segler und schon lange mit dem Meer verbunden. 2013 sank vor Lampedusa ein Flüchtlingsschiff, dass hat mich erstmals aufmerksam gemacht. Entscheidender war aber eigentlich das Schicksal meines Großvaters. Der hat im Ersten Weltkrieg als U-Boot-Maschinist erlebt, wie ein Schiff versenkt wurde und die Menschen nicht gerettet werden durften. Seine Berichte davon haben mich geprägt. Deshalb bin ich eines Tages auf Sea-Watch zugegangen. Hatten Sie eine Vorstellung davon, was Sie erwartet? Kolek: Als Trauma-Therapeut habe ich mich natürlich intensivst vorbereitet. Das da Menschen ertrinken war erwartbar. Aber die Realität ist trotzdem anders. Ich hatte vieles eingeplant, aber nicht, dass sich meine eigene Sicht auf die Welt so verändert. War es von Anfang an der Plan, loszuziehen und Schiffbrüchige zu bergen? Kolek: Nein. Gar nicht. Anfangs war Sea-Watch nur vor Ort, um zu beobachten, havarierte Boote zu sichern und um Hilfe zu rufen. 2016 gab es noch keine Transporte nach Italien. Das änderte sich erst, als die lybische Küstenwache mit Hilfe der EU begann, die Menschen zurück nach Libyen zu schaffen, wo sie unter schweren Menschenrechtsverletzungen zu leiden haben. Was sagen Sie zu den Vorwürfen, Sea-Watch würde die Menschenschlepper unterstützen, indem sie die Menschen vor der afrikanischen Küste aufnimmt und nach Italien bringt? Kolek: Es gibt Untersuchungen dazu, die belegen, dass die Zahl der Flüchtlinge nicht geringer wird, wenn keine NGO-Schiffe vor Ort sind. Außerdem haben unsere Schiffe einen viel zu keinen Sichtungsradius, als dass sich die Bootsflüchtlinge darauf verlassen könnten, von uns gerettet zu werden. Aber die Schlepper verkaufen es ihnen vielleicht so? Kolek: Das ist möglich. Trotzdem müssen wir die Menschen retten. Sie nicht zu retten ist ja keine Lösung. Übrigens gibt es auch konkrete Hinweise darauf, dass die lybische Küstenwache an den Schleppern mitverdient. Gleichzeitig wird sie von der EU unterstützt. Die verdienen doppelt. Haben Sie eine Meinung zur Flüchtlingspolitik der Europäischen Union? Kolek: Persönlich finde ich, die EU-Politik trifft keine Entscheidungen für die Menschen, sondern strategische Entscheidungen für die Staaten. Zum Beispiel wird Lybien mit Militärschiffen unterstützt, die für die Rettung von Menschen vollkommen ungeeignet sind. Da besteht kein Interesse daran, diese Menschen zu retten. Wie ist eigentlich gegenwärtig die Situation auf dem Mittelmeer? Kolek: Also, so richtig beliebt ist die Route meines Wissens nicht. Sie funktioniert ja meist nicht, wegen der Küstenwache. Aber ich habe heute die Nachricht bekommen, dass die Sea-Watch 3 gerade voll besetzt Italien anläuft. Zuletzt bekam man von SeaWatch und den Flüchtlingen auf dem Mittelmeer nicht mehr viel mit. Woran liegt das? Kolek: Einerseits ist es die Zusammenarbeit mit Lybien ja eine politsche Entscheidung, um das Leiden und Sterben außerhalb unseres deutschen Erlebnishorizontes zu halten. Andererseits ist es auch Entscheidung der Deutschen, die das Leid nicht sehen wollen.

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