SHS Kreuz oder Fahne: Streit geht weiter

Nächste Woche wird über die Umsetzung des Kompromissvorschlages gesprochen

VON SABINE KUBENDORFF

Schloß Holte-Stukenbrock. Oliver Nickel ist sauer, Bernd Gebauer zuckt mit den Achseln, André Kuper ist beunruhigt, Heidi Renz wiegelt ab. Das sind Reaktionen auf eine Zusammenkunft am 7. November im Bauministerium in Düsseldorf. Dort geht es – wieder einmal – um die Gestaltung der Spitze des Obelisken auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof (siehe Zusatztext). Damit wird eine neue Runde eröffnet im Streit um die Forderung des Arbeitskreises "Blumen für Stukenbrock", das orthodoxe Kreuz durch eine kommunistische Fahne aus Glas zu ersetzen.

Historiker Oliver Nickel ist sauer, weil er als Geschäftsführer der Dokumentationsstätte Stalag 326 wieder einmal nicht zum Treffen eingeladen worden ist. Und das, obwohl sich die Mitarbeiter der Dokumentationsstätte "intensiv mit der Geschichte der roten Fahne auseinandergesetzt haben", sagt Nickel. "Wir haben uns mehrfach als Gesprächspartner angeboten. Warum wir nicht eingeladen werden, ist absolut unverständlich." Die Stadt, auf deren Gebiet der Obelisk ja steht, hat ebenfalls keine Einladung erhalten. Dass die Stadt wieder einmal in diesem Streit übergangen wird, überrascht Beigeordneten Bernd Gebauer nicht. Macht der Gewohnheit.

Information

Der Obelisk

Auf dem Gelände der heutigen Polizeischule in Stukenbrock-Senne befand sich vor 70 Jahren ein Lager für (überwiegend) russische Kriegsgefangene, Stalag 326. In der Nachbarschaft wurden die Toten in Massengräbern verscharrt, die Schätzungen schwanken zwischen 30.000 und 65.000 Toten. Nach der Befreiung des Lager am 2. April 1945 begannen die Überlebenden, das Gräberfeld in eine würdevolle Friedhofstätte umzugestalten. Sie errichteten einen Obelisken als Mahnmal, auf dessen Spitze die kommunistische Fahne aus Glas gepflanzt wurde. Historiker Oliver Nickel vermutet, dass die Gestaltung staatlich gelenkt worden war, denn es gebe mehrere baugleiche Exemplare.

CDU-Landtagsabgeordneter André Kuper ist wegen des Treffens nächste Woche beunruhigt, und der Text des Einladungsschreiben lässt tatsächlich vermuten, dass eine Entscheidung in dem Streit über Kreuz oder Fahne, der nun schon fast zehn Jahre schwelt, gefallen ist. In der Einladung bezieht sich Ministerialdirigentin Anne Katrin Bohle auf einen Kompromissvorschlag, der vor zwei Jahren gefunden, aber nicht beschlossen worden war: kommunistisches Kreuz auf die Spitze, Gruppe orthodoxer Kreuze auf den Boden ganz nah am Obelisken.

Nun steht in dem Einladungsschreiben: " . . . liegen mittlerweile Gestaltungsentwürfe für die Gruppe orthodoxer Kreuze vor, die in der Nähe des bestehenden Ehrenmals zur Aufstellung kommen werden." Werden, steht da, nicht könnten. Das lässt eben den Rückschluss zu, dass eine Entscheidung bereits gefallen ist.

Die Leiterin der Pressestelle des Regierungssprecher in Düsseldorf, Heidi Renz, sagt: Nein, es sei keine Entscheidung gefallen. Bei dem Treffen würden, betont sie, verschiedene Modellvarianten der von der Russisch-orthodoxen Kirche gewünschten Kreuzesgruppe diskutiert werden, die auf dem Friedhof errichtet werden solle. "Die endgültige Entscheidung über die Gestaltung des Mahnmals steht noch aus." Hubert Kniesburges, Vorsitzender des Arbeitskreises "Blumen für Stukenbrock", und Nikolaj Thon, Geschäftsführer der Kommission der Orthodoxen Kirche in Deutschland, hätten zur Erhellung beitragen können. Sie reagierten aber nicht auf die telefonische Anfrage der Neuen Westfälischen.

André Kuper hat vor seinem Rügen-Urlaub einen sorgenvollen Brief an die Staatskanzlei geschrieben und sich auf "jüngste Informationen von Bürgerinnen und Bürgern aus Schloß Holte-Stukenbrock" berufen, wonach "bereits Anfang November die rote Fahne auf dem Obelisken angebracht werden" solle. Angeblich geschehe dies "auf Druck aus Moskau". Entsprechende Informationen, teilte man gestern Abend Kuper mit, lägen in der Staatskanzlei nicht vor.

Oliver Nickel weiß aus Erfahrung, dass für viele Besucher aus ehemals sowjetischen Ländern, die sich auf dem Friedhof von Angehörigen verabschieden, die rote Fahne ein Symbol für das menschenverachtende Stalin-Regime darstellt. "Wird nun gegen den Willen der örtlichen Bevölkerung und eines Großteils der Angehörigen der Kriegstoten die rote Fahne auf dem Obelisken errichtet", schreibt Kuper, "so steht zu befürchten, dass sich weite Teile der Bürgerinnen und Bürger künftig weigern werden, den Ehrenfriedhof zu betreten. "

Copyright © Neue Westfälische 2018
Texte und Fotos von nw.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

realisiert durch evolver group