Den Tag des offenen Denkmals nutzen viele Schloß Holte-Stukenbrockerund andere Gäste, um sich durch die Dokumentationsstätte Stalag 326 führen zu lassen. - © FOTO: CHRISTIAN STOLZ
Den Tag des offenen Denkmals nutzen viele Schloß Holte-Stukenbrockerund andere Gäste, um sich durch die Dokumentationsstätte Stalag 326 führen zu lassen. | © FOTO: CHRISTIAN STOLZ

Schloß Holte-Stukenbrock "Den Opfern würdig begegnen"

"Tag des offenen Denkmals" in der Dokumentationsstätte Stalag 326

VON CHRISTIAN STOLZ

Schloß Holte-Stukenbrock. "Die Nationalsozialisten wussten ganz genau, dass sie Unrecht getan haben. Einige nahmen sich das Leben", sagt Brigitte Grundmann, Mitarbeiterin in der Dokumentationsstätte Stalag 326 (VI K) Senne. Das ehemalige Kriegsgefangenenlager für vorwiegend sowjetische Kriegsgefangene wurde ab 1946 ein Internierungslager für deutsche Kriegsgefangene. Am "Tag des offenen Denkmals" informieren sich Besucher aller Generationen über diesen Ort mit seiner wechselvoller Geschichte.

Rund 40 Besucher betreten durch ein Tor das Gelände des Stalag 326, auf dem sich heute das Polizeiausbildungsinstitut Erich Klausener befindet. Die Lagerstraße zieht sich durch das Gelände. "Rechts und links von ihr waren früher einmal Baracken, in ihnen haben auch die SS-Leute gehaust", erzählt Mitarbeiter Peter Grundmann. Ein "fest ummauerter Knast" sei das alte Arrestgebäude gewesen. In ihm befindet sich heute die Ausstellung der Dokumentationsstätte. An einem Modell zeigt Brigitte Grundmann, wo das "Hauptlager" für die Russen, für kurzzeitig Gefangene und westliche Kriegsgefangene lag.

"Die Gefangenen kamen in Güterwagons in Hövelhof an. Dann mussten sie sechs Kilometer zu Fuß laufen. ‚Russenpatt‘ heißt dieser Weg auch heute noch", berichtet sie. "Sehr schnell" wurde aus dem Lager eine Arbeitsverteilstelle, da beispielsweise in der Landwirtschaft Beschäftigte fehlten. Sie seien im Lager "aufgepäppelt" worden, um dann wieder zur Arbeit unter anderem auch unter Tage im Ruhrbergbau zurückzukehren.

"Einige Leute haben gesagt: ‚Wer bei mir arbeitet, isst auch an meinem Tisch‘", sagt Brigitte Grundmann. Das war aber nicht immer so. Nach der Befreiung durch US-amerikanische Truppen im April 1945 habe es in der Umgebung Plünderungen gegeben. Brigitte Grundmann erzählt: "Wo die Gefangenen gut behandelt wurden, haben sie das sichtbar gemacht, bei diesen Bauern wurde nicht geplündert."

Auch die Entlausungseinrichtung, an deren Front eine "riesenhafte Laus" aus Gips angebracht wurde, wird besichtigt. "Da hat man gegen Seuchen gearbeitet", sagt Peter Grundmann. In dem kahlen Raum stand früher einmal "Rauchen verboten" auf Deutsch und Russisch an der Wand. Heute ist noch an zwei Stellen ein verblasstes aufgemaltes "Verboten" sichtbar.

Die rot-beige gefärbte Kapelle mit dem niedrigen Kirchturm schauen sich die Besucher von außen an. "Eine Baracke wurde durch den Anbau des Turms zu einer Kirche umfunktioniert", erzählt Peter Grundmann. Hin und wieder finde in dem denkmalgeschützten, kürzlich renovierten Gebäude ein Gottesdienst statt, berichtet Stadtführerin Heike Brock. Die Führung endet auf dem sowjetischen Kriegsgefangenenfriedhof, der immer wieder mit Gästen und Angehörigen besucht werden würde – auch wenn die Diskussion, ob auf dem Obelisken das orthodoxe Kreuz oder eine rote gläserne Fahne angebracht werden sollte, noch immer andauere.

Historiker können die Zahl der Todesopfer im Kriegsgefangenenlager nicht genau bestimmen. Zwischen 35.000 und 65.000 Opfern liegen die Schätzungen. "Den Angehörigen, die den Ort sehen wollen, ist die Zahl egal", sagte Brigitte Grundmann, denn: "Es kommt auf den Einzelnen an. Hier will man den Opfern noch einmal würdig begegnen."

"Ich finde es gut zu erfahren, was früher passiert ist und wie schlimm das damals war. In der Ausstellung fand ich das Thema zur Behandlung der Leute sehr schlimm", sagt der 13-jährige Viktor Mischke. "Ich habe gelesen, dass die Gefangenen Suppe mit faulen Rüben essen mussten und Brot, das mit Sägespänen gebacken wurde", sagt eine Besucherin aus Schloß Holte-Stukenbrock, "so etwas darf nicht totgeschwiegen werden und so etwas darf nie wieder passieren."

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