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Bürgermeister Hubert Erichlandwehr, hochoffiziell mit Amtskette und Bernhard Gebauer, erster Beigeordneter, schauen Generalkonsul Jewgenij Schmagin über die Schulter, als der sich ins Goldene Buch der Stadt einträgt. - © FOTO: GUNTER HELD
Bürgermeister Hubert Erichlandwehr, hochoffiziell mit Amtskette und Bernhard Gebauer, erster Beigeordneter, schauen Generalkonsul Jewgenij Schmagin über die Schulter, als der sich ins Goldene Buch der Stadt einträgt. | © FOTO: GUNTER HELD

SCHLOß HOLTE-STUKENBROCK Der russische Kompromiss

Generalkonsul Jewgenij Schmagin trägt sich ins Goldene Buch ein

VON GUNTER HELD
29.06.2012 | Stand 28.06.2012, 19:24 Uhr

Schloß Holte-Stukenbrock. "Meine beiden Kinder sind heimlich getauft worden", berichtet Jewgenij Schmagin. Er ist russischer Generalkonsul und besuchte gestern Schloß Holte-Stukenbrock um Gespräche mit Bürgermeister Hubert Erichlandwehr zu führen, das Unternehmen MediSeal zu besuchen und sich ins Goldene Buch der Stadt einzutragen.

Der 62 Jahre alte Diplomat begann seine Karriere noch in der UdSSR. Schon in den 80er Jahren arbeitete er in der sowjetischen Botschaft in Bonn. "Damals tobte der Kalte Krieg, und Deutschland galt als der größte Feind der edlen UdSSR." In der Sowjetunion war der Atheismus, die Verneinung Gottes, Staatsdoktrin und im diplomatischen Corps Pflicht. "Dabei gibt es kein religiöseres Volk als die Russen", davon ist Schmagin überzeugt.

Aus diesem Grund ist der Diplomat auch froh, dass vor kurzem der jahrelang schwelende Konflikt um die Ausgestaltung des Obelisken auf dem russischen Ehrenfriedhof beigelegt werden konnte. "Wir haben einen Kompromiss gefunden, der von allen Seiten getragen wird."

Gestritten worden war um die Spitze des Obelisken. Ursprünglich "wehte" dort eine sowjetische Fahne aus Glas. Erst bei Renovierungsarbeiten in den 50er Jahren war das orthodoxe Kreuz an der Spitze angebracht worden.

"Der Kompromiss sieht vor, dass der Obelisk in den Ursprungszustand versetzt wird, also mit der Fahne aus Glas. Ihm gegenüber werden drei orthodoxe Kreuze errichtet." Schmagin erklärte auch, warum die Fahne so wichtig ist: "Die sowjetische Fahne hat zwei komplett unterschiedliche Bedeutungen. Die erste ist staatspolitisch und steht für den Bolschewismus, der viel Schaden und Trauer über das Volk gebracht hat. In diesem Sinn bin ich auch ein entschiedener Anti-Kommunist. Diese Staatsform ist eine Sackgasse, wie die Geschichte gelehrt hat." Zwar seien die Parolen des Kommunismus wie Gleichheit und Brüderlichkeit noch immer aktuell, doch in der sowjetischen Umsetzung nicht zu realisieren.

Die andere Bedeutung sei aus dem Volk heraus entstanden. "Die Russen sehen die Fahne, die nach der Befreiung Berlins über dem Reichstag wehte, als ein Symbol für das Ende des Krieges, für die Befreiung vom Nazi-Terror und auch für die Befreiung vom Stalinismus, was jedoch nicht gelang. Die Fahne ist ein Synonym für den morgigen Tag." Für diese Fahne seien Millionen Menschen gestorben.

In den vergangenen zwei Jahren sei er ein paar Mal in Schloß Holte-Stukenbrock gewesen, um über eine mögliche Lösung zu sprechen. "Gottseidank wird der Kompromiss von allen, auch von der orthodoxen Kirche, getragen." Er macht eine kleine Pause, lächelt. "Gottseidank", so etwas habe er früher auch nicht gesagt. Die ganze Diskussion sei ihm sehr peinlich gewesen, weil Schloß Holte-Stukenbrock und der Verein "Blumen für Stukenbrock" sich sehr verdient gemacht hätten um die Ehre der gefallenen Sowjetbürger. Der Ehrenfriedhof sei weltweit der größte seiner Art, und in Russland hätte fast jeder von ihm gehört.

Doch obwohl ihm der Ehrenfriedhof offensichtlich sehr am Herzen lag, hat Schmagin auch noch andere Pflichten. Seit der Generalkonsul im Botschafterrang vor zwei Jahren die Vertretung in Bonn übernahm, besuchte er 130 Städte in seinem Konsulatsbereich. Wichtig sei immer der Kontakt zur Wirtschaft. Gerade hat China Deutschland als Handelspartner Nummer 1 abgelöst, aber immer noch betrage der Warenaustausch zwischen der russischen Föderation und Deutschland 75 Milliarden Euro pro Jahr. 6.500 Unternehmen haben ständige Repräsentanzen in Russland und 20.000 bis 30.000 Unternehmen seien in den Warenaustausch involviert.

Auch MediSeal ist auf dem russischen Markt aktiv. Aus diesem Grund hat Bürgermeister Hubert Erichlandwehr eine Betriebsbesichtigung dort organisiert.

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