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Joe Bausch spielt nicht nur einen Rechtsmediziner im Kölner „Tatort“. Er hat bis zu seiner Pensionierung viele Jahre als Gefängnisarzt gearbeitet. Die Insassen haben ihm die Geschichten für seine Bücher erzählt. Ende April liest er in Liemke. - © Andreas Zobe
Joe Bausch spielt nicht nur einen Rechtsmediziner im Kölner „Tatort“. Er hat bis zu seiner Pensionierung viele Jahre als Gefängnisarzt gearbeitet. Die Insassen haben ihm die Geschichten für seine Bücher erzählt. Ende April liest er in Liemke. | © Andreas Zobe

Schloß Holte-Stukenbrock Bekannter Tatort-Star kommt nach SHS: „Ich vermisse den Knast nicht"

Joe Bausch ist Krimi-Fans als Rechtsmediziner im Kölner Tatort bekannt. Er war viele Jahre lang Gefängnisarzt und hat seine Erfahrungen verschriftlicht. Im Ford Store Fiekens in SHS liest er aus seinem Buch „Gangsterblues“.

Sigurd Gringel
17.04.2022 , 14:00 Uhr

Herr Bausch, bitte drei kurze Antworten auf drei kurze Fragen ... Wie endet ein Tag für Sie: Lesen oder einen Tatort schauen?

Joe Bausch: Lesen.

Bei welchem Genussmittel werden Sie schwach?

Kaffee, ein guter Wein.

Rechtsmediziner oder Gerichtsmediziner? Was ist richtig?

Rechtsmediziner. So heißt der Lehrstuhl in der Medizin.

Sie haben in einem Interview mal gesagt, dass Sie schon in Ihrer Kindheit Kontakt zu Gesetzesbrechern hatten. Hat das Ihren Werdegang geprägt?

Nein, das glaube ich nicht. Ich hatte zwar Kontakt zu Ex-Zuchthäuslern, wie man sie damals genannt hat, weil meine Eltern sie auf ihrem Bauernhof beschäftigten. Es hat mir eher eine gewisse Unbefangenheit bewahrt.

Erleben die Zuhörer in SHS eine Lesung oder eher die Schilderung des Knastalltags?

Beides. Sie erleben in erster Linie gute Geschichten. Ich will unterhalten, mit harten Geschichten, launischen und – man mag es kaum glauben – heiteren Geschichten. Es wird aber auch eine Unterhaltung mit dem Publikum darüber, wie man im Knast landen kann. Wie ich beispielsweise. Warum ich da geblieben bin und was das Besondere ausmacht. Es wird ein Einblick sein, den man nicht alle Tage kriegt. Ich habe mehr als 30 Jahre im Knast gearbeitet, mit wachen Augen und Interesse für die Geschichten der Verbrecher und den Menschen, die dort arbeiten.

Der Förderverein der Michaelschule bietet an dem Abend Currywurst und Snacks an. Darauf freuen sich schon die Vorsitzende Sandra Tolke (v.l.) mit Sohn Maddox, Schriftführerin Sara Pollmeier und Frank Echterhoff vom Ford Store Fiekens. - © Sigurd Gringel
Der Förderverein der Michaelschule bietet an dem Abend Currywurst und Snacks an. Darauf freuen sich schon die Vorsitzende Sandra Tolke (v.l.) mit Sohn Maddox, Schriftführerin Sara Pollmeier und Frank Echterhoff vom Ford Store Fiekens. | © Sigurd Gringel

Was ist der Gangsterblues?

Für Gangster-Rap bin ich definitiv zu alt. Ich bin aufgewachsen als ein Kind von Woodstock mit Blues und Rock, das ist meine Musik. Der Blues gibt das Gefühl wieder, das ich gespürt habe, wenn ich am Wochenende oder nachts durch die Gänge des Gefängnisses gegangen bin. Da liegt der Blues in der Luft. Und es ist das Gefühl, das durch die Zellentüren hindurch und in die Jacke der Insassen schleicht. Das ist die Stimmung, in der mir die meisten Geschichten erzählt wurden.

Welche zum Beispiel? Und wie authentisch sind die dargestellten Fälle?

Die Geschichten sind verfremdet, sie haben sich aber so oder so ähnlich zugetragen. Sie erzählen etwas über die Entwicklung und Veränderungen der Menschen im Gefängnis. Zum Beispiel über Psychopaten, von denen es immer mehr im Gefängnis gibt. 8 bis 10 Prozent der Insassen sind für 75 Prozent der schweren Verbrechen verantwortlich. In „Altes Eisen“ geht es um die Alterskriminalität. Ein bisschen mit Augenzwinkern erzählt, aber eine geile Geschichte, wie ich finde.

Warum haben sich die Insassen Ihnen anvertraut?

Man merkt, ob jemand Bock hat, einem zuzuhören. Und vielleicht haben einige gedacht, aus deren Geschichte könnte man auch einen Film machen. Andere haben gesagt: Ich habe Dich im Tatort gesehen, aber wenn Du mal eine richtig krasse Geschichte hören willst, dann musst Du mal meine hören. Und es hat sich auch nach Jahren herumgesprochen, dass ich nicht nur an der Medizin, sondern auch an dem Hintergrund interessiert bin. Ich habe immer auch mit dem Blick des Schauspielers auf die Menschen gesehen. Wenn man sich nicht für Menschen interessiert, kann man sie nicht spielen.

Bei all den Gewaltverbrechen – wie können Sie sich erden?

Ich habe das große Glück gehabt, dass ich parallel zur Arbeit im Knast auch immer Schauspieler sein konnte. Am Anfang noch Theater, dann auch Filme, und ich habe auch geschrieben. Ich habe die Möglichkeit gehabt, den Knast loszuwerden oder ihn dahin zu rücken, dass er mir nicht zu tief unter die Jacke kriecht. Ohne Fernsehen und Theater wäre ich wahrscheinlich nicht so lange im Gefängnis geblieben.

Haben Sie die Rolle als Rechtsmediziner Joseph Roth bekommen, weil Sie Arzt waren?

Ich war ja zuerst Schauspieler und bin dann in die Medizin gegangen. Leute, die mich schon als Schauspieler kannten, wollten meine Meinung zu einer Rolle im Kölner Tatort hören. Damals tauchte zum ersten Mal ein Rechtsmediziner im Tatort auf. Das war alles sehr komplex, dann wurde hin und her telefoniert und irgendwann sagte der Produzent: Joe, tu mir einen Gefallen und spiel die Rolle selbst. So ist das gekommen. Mein erster Fall war „Manila“ (1998, dritter Fall der Ermittler Ballauf und Schenk, Anm. d. Red.). Ich wurde einige Folgen immer nur Doc genannt, als Dietmar Bär dann meinte, ich brauchte einen ordentlichen Namen. Und so ist Joseph Roth entstanden. Die Rolle hat mich gefunden und ich habe die Rolle gefunden.

Wie viel aus dem Knastalltag fließt in die Tatortrolle Joseph Roth?

Mir wird oft gesagt, dass ich noch ziemlich nah an der Realität spiele. Wobei die Realität der Rechtsmediziner natürlich eine ganz andere ist. Im Tatort finden wir Hinweise und dann ist der Täter nach 88 Minuten überführt. Bei Drehbeginn werde ich mittlerweile aber immer gefragt, ob die Abläufe aus meiner Sicht als Arzt stimmen.

Hätten Sie jetzt als Pensionär gern so eine tragende Rolle wie ihr Kollege Jan Josef Liefers als Professor Boerne im Münster-Tatort?

Klar, keine Frage. Aber ich mache ja auch noch andere True-Crime-Formate für verschiedene Sender und habe Angebote, die ich jetzt vielleicht annehmen kann.

Wie ist der Kontakt zu ihren Kollegen Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär?

Das war von Anfang an eine tolle Zusammenarbeit. Wir engagieren uns gemeinsam seit dem Tatort Manila für den gemeinnützigen Verein „Tatort – Straßen der Welt“, der sich vorwiegend für philippinische Straßenkinder einsetzt. Klaus, Dietmar und ich sind sozusagen die Galionsfiguren des Vereins, deswegen haben wir auch neben dem Dreh Anknüpfungspunkte. Wir sind auch manchmal am Wochenende zusammen, um Spenden zu akquirieren.

Schauen Sie sich Knastfilme an?

Natürlich sehe ich mir Knastfilme an, ich lese auch Geschichten, die im Knast spielen, weil mich interessiert, wie es dargestellt wird. Sie können im laufenden Betrieb nicht einfach rein- und rausgehen, da muss alles kontrolliert werden. Szenen im Knast sind aufwendig und teuer, wenn man Kulissen nachbauen muss, und nicht das Glück hat, gerade in einem leeren Trakt drehen zu dürfen. So war zum Beispiel „Bunte Hunde“, ein Gefängnisfilm mit Til Schweiger, sehr aufwendig, weil er im laufenden Betrieb einer JVA gedreht wurde.

Haben Sie einen Lieblingstatort?

Na klar, die eigenen sind ganz weit vorne. Wir können uns gut sehen lassen. Danach kommt aber auch schnell Dortmund, davon war ich von der ersten Minute an begeistert. Aber auch Münster, weil ich Axel (Prahl) und Jan Josef (Liefers) gut kenne und den speziellen Humor schätze. Einer meiner medizinischen Lehrer hatte damals ungefähr die gleichen Sprüche drauf. Und München.

Kann man den Knast vermissen?

Ich vermisse den Knast als Institution nicht, den Umgang mit den Patienten schon. Wenn man ehemalige Kollegen trifft und sich unterhält, vermisst keiner den Knast, weil er sehr anstrengend ist. Mir haben ehemalige Insassen berichtet, dass ihnen manchmal der Knast fehlt, weil es für sie eine Art Heimat war. Bei ist es aber anders gewesen, ich bin ja jeden Abend nach Hause gegangen. Ich habe trotz all der Zeit in der Tristesse mein optimistisches Menschenbild behalten.

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