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Mitten drin: Gayle Tufts sucht den Kontakt zum Publikum. Hier setzt sie sich mitten zwischen die Besucher. Die amüsieren sich köstlich über die Schlagfertigkeit und Selbstironie der Entertainerin. - © Karin Prignitz
Mitten drin: Gayle Tufts sucht den Kontakt zum Publikum. Hier setzt sie sich mitten zwischen die Besucher. Die amüsieren sich köstlich über die Schlagfertigkeit und Selbstironie der Entertainerin. | © Karin Prignitz

Schloß Holte-Stukenbrock Superwoman wirbt für demokratischen Zusammenhalt

Glanzlicht: Gayle Tufts überspielt technische Probleme locker und interagiert mit ihrem Publikum. Keinen Hehl macht die Amerikanerin daraus, was sie von Donald Trump hält.

Karin Prignitz
10.11.2019 | Stand 10.11.2019, 16:18 Uhr

Schloß Holte-Stukenbrock. Wo sind sie, die Frauen in der Superheldenwelt? Gayle Tufts hat sie vergeblich gesucht. „Entweder sind sie böse oder Praktikantinnen.“ Das seit Anfang der 90er Jahre in Berlin lebende amerikanische Energiebündel sieht dringenden Handlungsbedarf. Zumal in einer Zeit, da in vielen Teilen der Welt unberechenbare Narzissten wie Donald Trump regieren. Donald Trump – kaum hat Gayle Tufts diesen Namen ausgesprochen, läuft sie mit verzweifeltem Gesichtsausdruck vor die Bühnenwand. Knapp 200 Besucher folgen bei der jüngsten Ausgabe der städtischen Kulturreihe „Glanzlichter“ in der Aula am Gymnasium dem ultimativen Kampf einer der besten Entertainerinnen der Comedyszene gegen die offensichtlich zunehmende Sehnsucht nach einfachen Antworten und für mehr Gleichberechtigung. „Doch wen sollen wir in Deutschland anrufen? Angela Merkel?“ Stukenholtebrock Zum dritten Mal ist Gayle Tufts der Einladung von Anja Martin, die die „Glanzlichter“-Reihe organisiert, nach „Stukenholtebrock“ gefolgt. Diesmal hat sie Pianist Marian Lux an ihrer Seite. In bewährter Art denglischt sich die 59-Jährige in wechselnden Outfits durch den Abend. Es ist die zweitletzte Station der Tournee, und wie bei keiner anderen zuvor ist das Improvisationstalent der Entertainerin gefragt, denn während der gesamten ersten Halbzeit hakt es beim Zusammenspiel mit der Technik. Viele Zuschauer hätten es wohl kaum bemerkt, fragten sich gar, ob es womöglich zum Programm gehört. „Da merkt man, dass sie Profi ist“, sagt Besucherin Regine Schönfeld. „Sie hat das witzig überspielt und super mit dem Publikum interagiert.“ Diese direkte Ansprache sei sehr erfrischend. Martin Lang findet es ohnehin „grandios, dass eine weltbekannte Künstlerin wie Gayle Tufts in einer Schulaula spielt.“ Dazu gehören Größe und technische Probleme wohl einfach mal dazu. „Sie kann damit umgehen, sie ist ein echtes Showgirl.“ In der Tat überzeugt Gayle Tufts, die viele im Publikum aus dem „Quatsch-Comedy-Club“, von den „Mitternachtsspitzen“ oder aus der „Ladies Night“ kennen, mit ihrer Präsenz, ihrer Schlagfertigkeit, ihrem Humor und klaren Worten. Vor allem, wenn sie über die allgemeine Weltlage philosophiert. „Was heutzutage auf der Welt passiert, ist schockierend und abgefuckt.“ Anlässlich des 9. Novembers darf natürlich der Mauerfall vor 30 Jahren nicht unerwähnt bleiben. 30 Jahre Frieden, Demokratie, Happiness und „Looking For Freedom“? Blauäugig sei es gewesen, zu denken, dass dies alles mit dem Soundtrack von David Hasselhoff gelinge. Gayle Tufts tauscht das Superwoman-Shirt mit dem amerikanischen Flaggenkleid. Als Freiheitsstatue, die sich nicht bewegen und nichts ausrichten kann, fordert sie die, die zu ihr hinaufschauen, auf, sich aktiv für den Erhalt der Demokratie einzusetzen. Huckenstockenbrock Und sie feiert die Heldinnen des Alltags. Lehrerinnen, Krankenschwestern. „Wir brauchen auf unserer Welt mehr Petras, Sabines und Annettes“, denn sie, die nicht nur ihr das Leben im neuen Land einfacher gemacht hätten, seien die wahren Superheldinnen. Als Superkarottel Linda kehrt sie nach der Pause zurück auf die Bühne, denn neben Superwoman thematisiert sie auch Superfood. Und dazu gehören ein mehr oder weniger schmackhafter Grünkohl-Smoothie und das von der deutschen Oma hergestellte Quittengelee. Atemberaubend, spannend, entwaffnend, selbstironisch und herzlich ist das, was Gayle Tufts ihrem Publikum in „Huckenstockenbrock“ präsentiert. Und immer steckt die Botschaft dahinter: „Seid nett zueinander!“ Ein neues Show-Programm ist bereits in Arbeit. Ab dem 10. Mai heißt das „Make Amerika Gayle again.“

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