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Auf der Bleiche: Heute ist dort ein Lagerplatz für Holz. Hinten ist das Gebäude des Sägewerks zu erkennen. - © Sigurd Gringel
Auf der Bleiche: Heute ist dort ein Lagerplatz für Holz. Hinten ist das Gebäude des Sägewerks zu erkennen. | © Sigurd Gringel

Schloß Holte-Stukenbrock Blütenweiß dank Kuhmilch

Gegenüber dem Schloss stand einst eine große Bleiche. Kühe spendeten das Bleichmittel der frühen Neuzeit. Doch das Investment endete als finanzielles Fiasko

Sigurd Gringel
08.11.2019 | Stand 07.11.2019, 17:55 Uhr

Schloß Holte-Stukenbrock. Die Kühe brachten das Fass zum Überlaufen. Um eine Bleiche in der Nähe des Schlosses aufzubauen und zu etablieren, hatte Freiherr von Franken viel Geld investiert. Zu viel. Unter anderem lieferten 50 Kühe Milch für den Bleichvorgang. Die Bleiche wurde zu einem finanziellen Fehlschlag und nach nur eineinhalb Jahren wieder stillgelegt. Doch bis in die 1970er Jahre sprachen die Menschen in Schloß Holte und Liemke noch von der Bleiche. Es war eine allgemein bekannte Ortsbezeichnung, die jetzt in Vergessenheit gerät. Mitte des 18. Jahrhunderts wollte der Freiherr von Franken mit einigen Projekten die Grafschaft Rietberg wirtschaftlich nach vorn bringen. Er ließ eine Bandfabrik, eine Zwirnfabrik, eine Töpferei und eben diese Bleiche bauen. Doch statt der erhofften Einnahmen häufte der Freiherr mit seinen Fehlinvestitionen einen enormen Schuldenberg an, über den sein Landesherr, Fürst Anton Wenzel, sicherlich wenig erfreut war. Die Schulden häuften sich Insgesamt mehr als 14.000 Reichstaler standen schließlich im Schuldenbuch. Zum Vergleich: Ein Handwerker verdiente zu damaliger Zeit etwa 70 Taler im Jahr. Heimatforscher Günter Potthoff hat die Geschichte der Bleiche am Holter Schloss aus alten Dokumenten rekonstruiert. Die Kühe haben es ihm besonders angetan, sie sind für ihn das Sinnbild der Verschwendung. Freiherr von Franken hatte offenbar seine Erwartungen auf die boomende Leinenweberei gesetzt, die seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert einige Städte reich gemacht hatte. Unter anderem die „Leineweberstadt“ Bielefeld. Bleichverfahren nach holländischem Muster Nach dem Siebenjährigen Krieg ließ er 1765 die Bleiche am Schloss bauen, in der Flachs, Hanf und die übrigen verwendeten Fasern entfärbt werden konnten. Und zwar nach dem neuesten Stand der Technik mit Maschineneinsatz. Holländische Bleiche wurde das zuerst in Haarlem benutzte Verfahren genannt. Im Unterschied zu den herkömmlichen Bleichverfahren wurden neben Wasser, das am Schloss der Ölbach anspülte, auch besondere Laugen und Säuerungsmittel verwendet, unter anderem Buttermilch aus Kuhmilch. Das Leinen wurde dann auf dem Rasen ausgelegt, deswegen war auch der Begriff Rasenbleiche geläufig. Der gewaltige Betrieb warf aber nicht den erhofften Gewinn ab, er arbeitete nicht einmal kostendeckend. Die Nachfrage war offenbar nicht so hoch wie erwartet, zumal es Konkurrenzbetriebe im nahen Umfeld gab. Heute wird dort Holz gelagert Neben der Anschaffung der Kühe, ihren Stallungen und Futter waren weitere Arbeitsmittel und Maschinen zu beschaffen und die Löhne für die zahlreichen Angestellten vom Bleichmeister bis zum Knecht zu entrichten. Soldaten bewachten das wertvolle Leinen. Anfang 1767 zog Fürst Anton Wenzel einen Schlussstrich und stellte den Betrieb ein. Da sich kein Pächter für die Bleiche fand, ließ er den Besitz versteigern. Nur das große Bleichhaus und das Wohnhaus für den Bleichmeister blieben. 1811 wurde auch das Wohnhaus, das „Bleiche Häusken“ für 95 Reichstaler verkauft, abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut. Wie lange das große Bleichhaus überdauerte, ist nicht überliefert. In einer Karte aus dem Jahr 1843 ist der Komplex noch eingezeichnet. Günter Potthoff erinnert sich daran, dass das Areal – nun schon ohne Bleichhaus – im 20. Jahrhundert an Bürger verpachtet wurde. Die bauten dort Kartoffeln und Gemüse an. Günter Potthoff hat seinem Onkel damals noch geholfen, die Kartoffeln in einem Bollerwagen nach Hause zu ziehen. „Ich gehe auf die Bleiche“, sei damals eine gängige Phrase gewesen. Heute lagert dort ein Sägewerk sein Holz.

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