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Aeham Ahmad spielt in der Aula des Gymnasiums SHS, Gymnasiasten, Real- und Gesamtschüler wirken mit - © Karin Prignitz
Aeham Ahmad spielt in der Aula des Gymnasiums SHS, Gymnasiasten, Real- und Gesamtschüler wirken mit | © Karin Prignitz

Schloß Holte-Stukenbrock Der Pianist aus den Trümmern berührt

Konzert: 300 Besucher, darunter eine Reihe von Flüchtlingen, erleben einen emotionalen Abend in der Aula am Gymnasium. Denn Musik braucht keine Sprache

Karin Prignitz
17.03.2019 | Stand 18.03.2019, 13:33 Uhr |

Schloß Holte-Stukenbrock. Musik verbindet Kulturen und baut Brücken. Wer daran noch gezweifelt haben sollte, der dürfte seine Meinung gründlich revidieren. Fünf Jahre sind vergangen, seit Aeham Ahmad sein Klavier im vom Krieg zerstörten syrischen Yarmouk, einem Vorort von Damaskus, mitten in die Bombenkrater und Trümmer schob, dort spielte und sang. Hoffnung hat Ahmad den Überlebenden gegeben. Zum Symbol für den Friedenswillen der Menschen in Syrien ist er geworden. Doch Ahmad hat noch viel mehr geschafft. Er hat die Seele der Menschen berührt. Diese Emotionalität überträgt der 31-Jährige auch auf die Menschen in Schloß Holte-Stukenbrock. Wenn der Pianist seine eigenen Lieder über die Eindrücke von Krieg und Flucht auf der Bühne der Aula am Gymnasium anstimmt, dann sind Trauer, Wut, Leid und auch Trost darin deutlich wahrnehmbar und nicht zuletzt an seinen Gesichtszügen abzulesen. Völlig in sein Spiel versunken, erzählt Aeham Ahmad musikalisch, was er und andere erleben mussten. Und manchmal, da scheint die Klaviatur gar nicht auszureichen, um all diese Gefühle auszudrücken. "Die Verbindung war sofort da" „Ein besonderes Erlebnis, ein besonderes Projekt, ein besonderer Künstler und Mensch", so fasst es Bürgermeister Hubert Erichlandwehr zusammen. Eigentlich gibt es gar nicht genügend Superlative für das, was Aeham Ahmad geschafft hat und immer noch schafft. Bereits am Nachmittag vor dem Konzert hat er mit Schülern der Gesamt- und der Realschule sowie Sprachförderschülern, die zwar keine offiziellen Schüler des Bildungsgangs sind, aber dennoch am Gymnasium unterrichtet werden, in einem Workshop gearbeitet. Beeindruckend sei es gewesen, erzählen Daniela Hartmann, stellvertretende Leiterin der Gesamt- und Realschule, und Christina Gellert, Leiterin der Internationalen Klasse am Gymnasium, wie schnell Aeham Ahmad die Jugendlichen habe animieren und begeistern können, sich selbst einzubringen. „Was wir erlebt haben, war herzerweichend und wunderschön. Die Verbindung war sofort da." Schön sei es gewesen, zu erleben, wie sich die Gruppen der Schulen vermischt hätten. "Auch das hat uns Lehrer sehr berührt" Schüler hätten spontan Texte gedichtet. „Auch das hat uns Lehrer sehr berührt." So kreativ arbeiten zu können, „das wünschen wir uns öfter auch in der Schule", betonte Daniela Hartmann. Beim Auftritt unterstützen die 30 Schülerinnen und Schüler Aeham Ahmad bei einem Lied, das sie mit ihm einstudiert haben. Neben dem Chor gibt es ein Orchester. Einige Jugendliche lesen emotionale Passagen aus Ahmads Buch „Und die Vögel werden singen" vor. Christina Gellert erzählt, dass es keinerlei Kommunikationsprobleme gegeben hat. Trotz unterschiedlicher Sprachen habe sich die Gruppe verstanden. „Die geflüchteten Kinder waren besonders stolz, eine wichtige Rolle zu spielen." Bilder, die beim Workshop entstanden sind, erscheinen auf einer großen Leinwand. „Musik braucht keine Sprache", so hebt Flüchtlingsberaterin Lana Odeh, die den Kontakt hergestellt hatte, das verbindende Element hervor. Die Zusammenarbeit mit Aeham Ahmad sei ein Schritt zur Integration. „Wir freuen uns, dass heute viele geflüchtete Menschen unter den Besuchern sind." „Er baut Brücken zu Menschen" Lana Odeh übersetzt ins Arabische. Aeham Ahmad nutzt derweil auch das Innenleben des Klaviers. Während er singt, scheint er in die Ferne zu schauen und nimmt sein Publikum mit in Situationen, die unvorstellbar sind. Immer wieder bindet er die Besucher ein, fordert sie auf mitzusummen. „Fortissimo, please." Zuweilen fliegen die Finger Ahmads in kaum nachvollziehbarer Geschwindigkeit über die Tasten, mal mit kraftvollem Anschlag, dann wieder ganz sanft. Zwischendurch singt und spielt er gemeinsam mit Darin Shammout (19) von den „No Limits" aus Gütersloh. Am Ende holt Ahmad den vierjährigen Laith auf die Bühne, setzt sich mit ihm ans Klavier und lässt ihn mitspielen. Das Strahlen des Jungen sagt alles. Bürgermeister Hubert Erichlandwehr hatte zu Beginn des besonderen Konzertes von der Geschichte Aeham Ahmads erzählt. Wie der Krieg seine Hoffnungen zerstörte, wie er eine neue Heimat in Deutschland fand, wie er hier seither Menschen und Kulturen verbindet. „Er baut Brücken zu Menschen, die vorher nicht zusammengekommen sind." Am Ende des Abends hatte nicht nur der Bürgermeister Gänsehaut. „Nicht Hass und Zerstörung werden triumphieren", schreibt Ahmad in seinem Buch, „sondern das Leben. Die Musik." Seinen ersten Konzertflügel hat Aeham Ahmad in Deutschland übrigens von jemanden geschenkt bekommen, den er aufgrund seiner Beliebtheit zunächst für den Präsidenten gehalten hat – von Herbert Grönemeyer.

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