Hegeringleiter Wilfried Schmelter deutet auf ein Verkehrsschild, das als Zielscheibe benutzt worden ist. - © David Knapp
Hegeringleiter Wilfried Schmelter deutet auf ein Verkehrsschild, das als Zielscheibe benutzt worden ist. | © David Knapp

Schloß Holte-Stukenbrock Illegale Jagd oder illegale Waffen-Nutzung? Nächtliche Schüsse sorgen für Diskussion

Ob verbotenerweise in Schloß Holte-Stukenbrocks Wäldern illegale Waffen abgefeuert werden oder ob illegal gejagt wird, lässt sich kaum feststellen

Gunter Held
14.01.2019 | Stand 14.01.2019, 10:40 Uhr

Schloß Holte-Stukenbrock. Zunächst schien es nur ein Dummer-Jungen-Streich zu sein. Mitte Dezember wird Klaus Dirkschnieder von einem scharfen Knall aus dem Schlaf gerissen. Um 2 Uhr morgens. Ihm ist klar: Das sind Schüsse. Dirkschnieder wohnt seit 63 Jahren in dem Haus unmittelbar an einem Wäldchen. Ein Pfad führt direkt an seinem Gartenzaun entlang. Selbst kein Jäger „bin ich aber doch mit Jägern aufgewachsen", sagt er. Deshalb weiß er auch, dass es Schüsse sind und keine Silvesterböller. Das Geräusch der Schüsse kommt näher. Sechs, sieben Mal wird gefeuert. Dirkschnieder macht das Licht im Schlafzimmer an. Die Schüsse hören auf. Er tritt auf den Balkon hinaus und sieht gerade noch, wie sich zwei schemenhafte Gestalten entfernen. "Welcher Jäger geht schon nachts um 2 Uhr auf die Jagd?" Die Neue Westfälische geht der Sache nach, spricht mit Hegeringleiter Wilfried Schmelter. Der ist davon überzeugt, dass es keine Jäger waren: „Welcher Jäger geht schon nachts um 2 Uhr auf die Jagd . . ." Trotzdem fragt er beim Jagdpächter nach, bekommt von dort eine Bestätigung. Und eine weitere Information. Bereits ein paar Tage zuvor sind Schüsse gehört worden. Schmelter geht davon aus, dass es Personen waren, die illegal Waffen besitzen. „Ich glaube, dass es ebenso viele illegale Waffen gibt, wie legale", sagt er im Gespräch mit der NW. „Als der Ostblock zerfiel, konnte doch jeder ganz leicht und für kleines Geld russische Waffen kaufen." Weihnachtsbraten abgeschossen? Aus Polizeikreisen ist zu hören: „Gut möglich, dass das Angehörige osteuropäischer Staaten gewesen sind, die einfach in den Wald gegangen sind, um sich ihren Weihnachtsbraten zu schießen." Das wäre dann Wilderei, und die ist strafbar. Auch Schmelter hält Wilderei für möglich. „Es hat immer und wird auch immer Menschen geben, die wildern", sagt er. Ob das illegale Jagen mit der Waffe, egal ob Pistole oder Gewehr, seit der Wende zugenommen hat, vermag Schmelter nicht zu sagen. Aber: „Waidgerecht ist das Wildern auf keinen Fall. Das fängt schon bei der verwendeten Munition an. Wir haben in Deutschland ein strenges Jagdgesetz, in dem geregelt ist, welches Tier mit welcher Munition geschossen werden darf." Davon hätten Wilderer natürlich keine Ahnung. Die Konsequenz sei, dass mit Kleinkalibermunition auf Tiere geschossen wird, die mit dieser Munition nicht getötet werden können. Diese Tiere würden dann elend zugrunde gehen. "Solche Fälle können wir nur durch Zufall entdecken" Noch grausamer ist für Schmelter die Wilderei mit Schlingfallen. „Solche Fallen können auch wir Jäger nur durch Zufall entdecken." Sie werden auf Wildwechseln ausgelegt, der Draht schlingt sich um den Hals des Tieres, das unter Qualen stirbt. Solche Fallen sind in Deutschland absolut verboten. Wenn Jäger mit Fallen jagen, dann sind das Durchlauffallen. Das Tier wird damit in einem kleinen Käfig gefangen. „Diese Fallen müssen morgens und abends kontrolliert werden. Meistens sind sie mit Sendern ausgerüstet, die dem Jäger ein Signal auf das Handy schicken, so dass er sehr schnell reagieren kann", erklärt Schmelter. Fleischwilderer nehmen nur das Wildbret Aber Wilderei stellt nicht nur eine Gefahr für die Tiere dar. Gefährdet sein können auch Menschen. „Eine Pistolenkugel fliegt 1,5 Kilometer weit und kann dann einen Menschen immer noch schwer verletzen. Eine Gewehrkugel fliegt 5 Kilometer weit und kann dann einen Menschen sogar noch töten", sagt Schmelter. Darüber würden sich Wilderer keine Gedanken machen – oder es einfach billigend in Kauf nehmen. Der Sicherheitsaspekt hat bei den Jägern den höchsten Stellenwert. „Wir schießen immer mit Kugelfang", sagt der Hegeringleiter, „also vom Hochsitz aus. Dadurch wird die Waffe immer in Richtung Boden gehalten. Grundsätzlich teilt Wilfried Schmelter die Wilderer in zwei Kategorien ein. Die Fleischwilderer nehmen nur das Wildbret mit. Kopf und Geweih lassen sie liegen. Bei den Trophäenwilderern ist es umgekehrt. Sie sind nur an Kopf und Geweih interessiert. Das Fleisch lassen sie einfach an Ort und Stelle im Wald liegen. Das verwest dann mit der Zeit. Kriminell sind sie beide. Wilderei hat mit Romantik nichts zu tun Früher, ganz früher, war das Jagen jedem erlaubt. Bevor die Menschen sesshaft wurden, war es die einzige Möglichkeit, zu überleben – zusammen mit dem Sammeln von Früchten. Sogar noch bis weit ins Mittelalter hinein durfte jeder Freie, vornehmlich die Bauern, jagen um seinen Viehbestand und seinen Grund zu schützen. Oder einfach, um sich mit Nahrung zu versorgen. Die freie Jagd hatte ein Ende, als die Bauern immer stärker von den Landesherren abhängig wurden und diese sich immer mehr freie Ländereien aneigneten. Wilderer mussten Geweih tragen Als die Jagd für den Adel dann ein Zeitvertreib und eine sportliche Herausforderung wurde, stellten Adlige Menschen ein, die das Jagdrevier überwachten. Der Beruf des Försters war geboren. Gleichzeitig wurde das unberechtigte Jagen unter Strafe gestellt. Aus dem illegal Jagenden wurde der Wilderer. Waren die Strafen anfangs noch lediglich demütigend, die Wilderer mussten über einen gewissen Zeitraum ein Geweih tragen oder wurden an den Pranger gestellt, nahm das Strafmaß schnell andere Dimensionen ein. Der Adel ließ drastische Strafen verhängen, um das niedere Volk vom Wildern abzuhalten. Später wurden die Wilderer mit harten Arbeitsdiensten oder dem Tod bestraft – und auch am Galgen wurde ein Geweih angebracht. Erst nach der Revolution von 1848 wurde das Jagdrecht des Adels abgeschafft. Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Wilderer oft romantisiert und heroisiert. Tatsächlich jagten nur die wenigsten Wilderer waidgerecht mit Gewehren. Meistens stellten sie Schlingfallen, in denen die Tiere oft qualvoll verendeten. Verletztes Wild wurde nicht verfolgt. Auch ein Menschenleben galt den Wildschützen oft genug wenig. Das belegen viele aktenkundige Fälle von ermordeten Förstern und Jagdaufsehern. Heute ist Jagdwilderei eine Straftat gegen das Vermögen und gegen Gemeinschaftswerte. Geregelt ist das im Paragraphen 292 Strafgesetzbuch. Geahndet wird Jagdwilderei mit Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren.

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