Zeitzeugen: Adelheid Brockpähler, Witwe des langjährigen Bahnhofsleiters (l.) und Lieselotte Otto von Kohlen-Otto haben viel über die früheren Bahnhofszeiten zu erzählen gehabt. Günter Potthoff und seine Mitstreiter können noch mehr Gäste begrüßen, die etwas über die Historie zu berichten wissen. - © Karin Prignitz
Zeitzeugen: Adelheid Brockpähler, Witwe des langjährigen Bahnhofsleiters (l.) und Lieselotte Otto von Kohlen-Otto haben viel über die früheren Bahnhofszeiten zu erzählen gehabt. Günter Potthoff und seine Mitstreiter können noch mehr Gäste begrüßen, die etwas über die Historie zu berichten wissen. | © Karin Prignitz

Schloß Holte-Stukenbrock Beim Bahnhofsfest werden Erinnerungen wach

Förderverein Industriemuseum, Ortsgemeinschaft Schloß Holte und Kulturkreis richten die Veranstaltung am „Tag des offenen Denkmals“ aus. Viele interessierte Gäste und Zeitzeugen kommen.

Karin Prignitz

Schloß Holte-Stukenbrock. „Dreieinhalb Jahre bin ich mit der Dampflok nach Bielefeld gefahren." Günter Potthoff kann sich nicht nur daran erinnern, sondern auch an manch schlimmen Unfall, der seinerzeit an der Bahnstrecke passiert ist. An die Brote, die an der Strecke verteilt lagen, weil die Bahn das Dreiecksauto des Bäckers erfasst hatte beispielsweise. Viele solcher Geschichten, spannende, traurige und erheiternde gab es beim Bahnhofsfest zu erzählen. Vor allem aber konnten die Besucher in die lange Geschichte des Bahnhofs, der für die Entwicklung des Ortsteils und der Wirtschaft so immens wichtig war, eintauchen. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hatte die Familie Tenge für die Bahnlinie kämpfen müssen, ehe sie die Produkte der Holter Eisenhütte fixer zu den Kunden zu transportieren. Aber auch die Wege zur Arbeit wurden mit der Bahn deutlich erleichtert. 110 Blätter, berichtete Friedrich Dransfeld, seien für eine halbstündige Powerpoint-Präsentation, die der Vorsitzende des Fördervereins Industriemuseum und des Kulturkreises selbst übernahm, zusammengestellt worden. Von der intensive Phasen des Bemühens seit der ersten Initiative im Jahr 1846 über die Eröffnung im November 1901 bis in die neuere Zeit konnte der Werdegang nachvollzogen werden und viele Besucher folgten interessiert. Bereits zu Beginn des Bahnhofsfestes hatte Friedrich Dransfeld die blaue Original-Uniform von Hans Brockpähler übergestreift, sich die einstige Dienstmütze aufgesetzt und mit der grünen Kelle in der Hand trötend den Startschuss zum Fest am „Tag des offenen Denkmals" gegeben. Adelheid Brockpähler, die Witwe des im Alter von 92 Jahren im Mai verstorbenen Fahrdienstleiters, hatte die Sachen zur Verfügung gestellt. Die fast 86-Jährige wusste zudem viel von der damaligen Zeit erzählen. Bahnhofswirt Gerd Oberteicher wurde von allen nur „der liebe Gott" genannt „Morgens und abends, wenn der Arbeiterzug kam, waren Platz und Straße schwarz von Leuten", erzählt Adelheid Brockpähler auch von Sonderzügen und immens langen Schlangen an Pollhans. „Für uns Kinder war das damals hier der Spielplatz." Das Elternhaus der Seniorin, in dem die alte Post untergebracht war, lag genau gegenüber des Bahnhofs. „Eine schöne aber auch verrückte Zeit" sei es gewesen. Ihr Mann war eine Institution. Von 1949 bis 1999 war er Kleinlokfahrer, Fahrkartenkontrolleur und Fahrdienstleiter. Günter Potthoff zeigt auf ein Gebäude an der Bahnhofstraße. „Dort konnten die Bahnreisenden damals für 50 Pfennige in der Woche ihre Fahrräder unterstellen." Oma Kläsener sei mit dem „Klingelbeutel" unterwegs gewesen und habe genauestens kontrolliert, ob auch alle gezahlt haben. Lieselotte Otto (82) erzählt von „Kohlen Otto", der einstigen Kohlenhandlung nahe des Bahnhofs. „Morgens kamen die Waggons mit Eierkohlen und Briketts." Ihr Großvater Joseph Otto, ihr Vater Alysius und ihr Bruter Lothar leiteten den Handel, ehe er 1990 eingestellt wurde. Neben anderen Anliegern schaut auch Josef Pollmüller vorbei. Sein Vorgänger, der langjährige Bahnhofswirt Gerd Oberteicher, wurde im Volksmund „Der liebe Gott" genannt, weil er scheinbar fast alles wusste. „Oberteicher war eine Kanone", das kann sein Nachfolger bestätigen. „Er hat schon um fünf Uhr in der früh geöffnet, weil dann die ersten Züge gingen" und die Reisenden sich vorher noch schnell einen Schnaps und ein Bierchen genehmigten. Die Bahnhofsgaststätte war schon deshalb etwas Besonderes, weil dort auch politische Dinge, die sonst im nichtöffentlichen Teil behandelt wurden, ausgeplaudert wurden. Josef Pollmüller bot später als erster in der Stadt bayerische Spezialitäten an. „So viele Erinnerungen kommen hoch, unglaublich", sagt Pollmüller.

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